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"I don't care about share of listeners. We care about the future of British Audio

- James Purnell, BBC-Radiodirektor in einer Rede
Ein Radiodirektor, dem Quoten egal sind. Leider ist allein das bemerkenswert genug. Die BBC baut ihre Audio-Strategie seit Monaten um, setzt den Fokus stärker auf On-Demand und Podcasts statt linearem Radio. Nicht ohne Grund, schreibt Purnell in einem Blog-Post:

"15 percent of all listening is on phones and for younger listeners that rises to 33 percent. The lion’s share of digital listening remains live radio - 70 percent - but again, for younger audiences that drops to 40 percent."
Und damit: Hallo zur 14. Newsletter-Ausgabe von Hören/Sagen!
Ausgabe 14
 
- Interview: Nicolas Semak, Mitgründer des Podcast-Labels Viertausendhertz
- Podcast-Rezension: 'Mono - Meine Geschichte' von 'Deezer' und 'stern' 
- Link-Sammlung: Podcast-Revolution als Versehen; Reaktion auf Google bei Audio; Schwerpunkt: Musik-Einsatz in Podcasts; Rezension: BBC-Podcast 'The Assassination'
Das Podcast-Label 'Viertausendhertz' ist für mich immer noch eines der spannendsten Audio-Projekte in Deutschland, auch wenn dessen Start mittlerweile über zwei Jahre her ist. Die Anfangsaufregung ist vorbei, aber das Team von 'Viertausendhertz' hat weit darüber hinaus Kontinuität bewiesen: Einerseits, was die Frequenz und Qualitätsstandards der Podcasts unter dem Label anbelangt - andererseits, was das Label selbst betrifft. Aus der Gründung als GbR wird Ende Juni eine GmbH. Bürokratie-Buchstabensalat hin oder her: Auch das ist ein Zeichen der Kontinuität und der Professionalisierung, die das Gründer-Team sich selbst als Wegmarke gesteckt hatte.

Persönlich verbinde ich das Label auch mit meiner eigenen Podcast-Berichterstattung: Über den Start von Viertausendhertz schrieb ich damals für den Blog basicthinking.de. So wie das Gründer-Team von 'Viertausendhertz' Anfang 2016 die Zeit für den Start des Labels gekommen sah, so war für mich wiederum der 'Viertausendhertz'-Start ein Signal: "Jetzt müsste man ernsthaft mit der Berichterstattung anfangen."
Aus meinem Interview zum 'Viertausendhertz'-Start wuchs dann vier Monate später, im Juni 2016, die Motivation für meine elfteilige Audio-Serie mit dem Namen 'Hören/Sagen', aus der wiederum im August 2017 dieser Podcast-Newsletter hier hervorging.

Doppelter Anlass also, wieder zu fragen, wie es dem deutschsprachigen Podcast-Label 'Viertausendhertz' geht. Ich habe deswegen Nicolas Semak, Mit-Podcaster und Mit-Gründer des Labels, fünf Fragen per Twitter-DM geschickt, auf die er mir schriftlich geantwortet hat. (Kleiner Hinweis: Wo es sich anbot, habe ich nachträglich die entsprechenden Links in den Antworten von Nicolas gesetzt.)
INTERVIEW: NICOLAS SEMAK 
Podcast-Label Viertausendhertz

"Jede einzelne Podcastepisode, die wir bisher veröffentlicht haben, ist letztlich ein Produkt des gesamten Teams"
1) Unser letztes Interview war am 27. Januar 2016, drei Tage nach dem offiziellen Start von 'Viertausendhertz'. Damals war der US-Podcast-Erfolg Serial noch halbwegs frisch, das Aufkommen der Smartspeaker noch ziemlich neu. Rückblickend: Was hättest du damals als frischer Mitgründer gerne (besser) gewusst?

Nicolas Semak: "Natürlich hätten uns damals die Erfahrungen der vergangenen zweieinhalb Jahre viel genutzt, aber uns allen ist vor allem das Erlebnis eines eigenen Unternehmens in einem kreativ und wirtschaftlich noch jungen Bereich sehr viel wert.

Zu den wichtigsten Erfahrungen zählen sicherlich die Organisation der eigenen Arbeitsweisen und Dynamiken im Team als auch das Erlernen und Entwerfen der notwendigen betriebswirtschaftlichen Struktur. Dies alles mit dem notwendigen Freiraum für die eigene Kreativität in Einklang zu bringen, war in der ersten Zeit die wohl größte Herausforderung. In Bezug auf die Entwicklung des Mediums Podcast sehen wir uns in unseren Vermutungen mit Blick auf die deutschsprachige Landschaft bis dato größtenteils bestätigt."


2) Im Prinzip seid ihr immer noch das selbe Team wie zum Start: Marie Dippold, Christian Conradi, Hendrik Efert, Christian Möller und du. Wenn nicht personell, wo ist 'Viertausendhertz' gewachsen, woran seid ihr im Team gewachsen?

Nicolas Semak: "Ja, das Gründungsteam von Viertausendhertz ist weiterhin komplett. Unser erster Host und Autor Christian Möller ist mit seinem sehr erfolgreichen Format “Durch die Gegend” auch immer noch dabei.

Dazu kommt ein feines zuarbeitendes und kooperierendes Netzwerk aus mittlerweile fünfzehn Radio- und Audioleuten, MusikerInnen, JournalistInnen und SprecherInnen, die zum Teil auch bereits auf unserer Webseite vorgestellt werden. Wir sind praktisch also auch personell durchaus gewachsen. Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht mehrere Personen aus unserem Netzwerk bei uns im Büro und Studio aufschlagen, um entweder für zukünftige Formate Aufnahmen zu machen oder zu produzieren. Nach Abschluss unserer Umgründung zur GmbH, die in diesem Monat abgeschlossen sein wird, werden wir dann auch Anstellungen und Praktika ausschreiben.

Ansonsten denke ich, dass wir vor allem hinsichtlich unserer Effizienz in Bezug auf unsere kreative Arbeit und interne Kooperation am meisten gewachsen sind. Ich bin täglich begeistert davon, wie schnell wir klar, gut durchdachte und realisierbare Entscheidungen so treffen können, dass wir der gemeinsamen Vision über die Zukunft von Viertausendhertz gerecht werden. Das ist sowohl zwischenmenschlich als auch in kreativer und produktiver Weise sehr schön und befriedigend."


3) Zum Start von 'Viertausendhertz' habt ihr darüber gesprochen, dass ihr eine Art Verlag sein wollt, der eigene Produktionen bündelt und mit externen Autoren zusammenarbeitet. Bei ersterem habt ihr jetzt zweieinhalb Jahre lang konstant geliefert – seid ihr mit eurer „Verleger-Rolle“ auch zufrieden?

Nicolas: "Wir verwenden weiterhin den damals von uns gewählten Begriff des 'Labels', unter dem Produktionen verschiedener AutorInnen veröffentlicht werden. Gerade haben wir eine neue fünfteilige Serie unserer Autorin Bettina Conradi gestartet, die mit “Schluss - eine Liebesgeschichte” eine toll erzählte und authentische Geschichte aus der Lebensperspektive eines jungen Mannes erzählt.

Natürlich haben wir uns am Anfang die Produktion neuer Serien und Reihen einfacher vorgestellt. Das dies nun länger dauerte liegt vor allem daran, dass wir zwar wirklich sehr viele Bewerbungen und Vorschläge für neue Formate erhalten und auch eigene Konzepte entwickelt haben, aber durchaus mehr Zeit als gedacht von Nöten war, um mit unserem kleinen Team Verfahren zu entwickeln, mit denen es uns nun leichter fällt, neue Stoffe und potenzielle AutorInnen effizient einzuschätzen und bei uns zu integrieren. Im laufenden Jahr sollten nun, wie auch schon mit unserer neuesten Serie, endlich die ersten Früchte dieser langen Arbeit sichtbar werden.


Es mag sein, dass es von außen so aussieht, als wäre in diesen ersten zwei Jahren nicht allzu viel Neues bei uns gestartet. Das liegt auch daran, dass inhaltlich vergleichbare Unternehmen, vornehmlich aus den USA, mit deutlich größeren Teams, Fremdinvestitionen und insofern viel größeren Ressourcen ausgestattet sind.

Nach gut zwei Jahren freut es uns sehr, dass wir nun auch über die Möglichkeiten verfügen in Zukunft größere Projekte stemmen zu können. Grundsätzlich übernehmen wir übrigens auch nicht einfach Ideen eingereichter Vorschlägen, sondern arbeiten an allen bei uns laufenden Reihen gemeinsamen als Team. Jede einzelne Podcastepisode, die wir bisher veröffentlicht haben, ist letztlich ein Produkt des gesamten Teams. Das frisst Zeit und Mühe, führt aus unserer Sicht aber vor allem langfristig zu besseren Ergebnissen. Wir mussten lernen in der ersten Zeit mit kleinen Schritten zufrieden zu sein."


4) Ihr habt seit dem Start von 'Viertausendhertz' auch hin und wieder über ein mögliches Bezahlmodell für HörerInnen gesprochen. Beim US-Label 'Gimlet Media' gibt es ja auch so eine freiwillige Bezahl-Mitgliedschaft. Wie sieht es bei euch mit solchen Bezahlabos von HörerInnen aus? Plant ihr noch etwas in der Richtung?

Nicolas: "Zu Beginn war unser Vorhaben, uns und auch der Hörerschaft zu beweisen, dass wir dauerhaft ein Angebot produzieren können, das der Hörerschaft auch etwas wert ist. Mittlerweile sind wir der Meinung, dass wir das tun und das Feedback und die Fragen nach einem solchen Angebot bestätigen uns dies. Unserem Verständnis nach, geht es den HörerInnen dabei primär um das Bedürfnis uns aktiv unterstützen zu können und weniger um die Werbefreiheit, die bei einem solchen Angebot natürlich gegeben wäre. Gleichzeitig sehen wir auch, dass große Labels, wie eben zum Beispiel Gimlet ganz klar feststellen, dass die absolute Mehrheit der HörerInnen gut mit kurzen Werbeintegrationen leben können und diese auch einem Bezahlmodell vorziehen. Wir sind hier in enger Zusammenarbeit mit unserem Partner Podigee und werden zu gegebener Zeit dazu etwas von uns hören lassen."

5) Im letzten Interview solltest du einen Satzanfang beenden:
„Nächstes Jahr um diese Zeit ist unser Podcastlabel...“ Deine Antwort war damals: „Hoffentlich noch existent [...] und wir sind noch genauso überzeugt von der Idee wie heute.“ Zweieinhalb Jahre später, ähnliche Frage: Was sind die Ziele, die ihr euch für die nächsten 12 Monate gesteckt habt?


Nicolas: "Für die nächsten zwölf Monate planen wir sowohl den Ausbau unseres eigenen Podcastportfolios als auch unserer Unternehmenssparte “Viertausendhertz Studio” für Auftragsproduktionen. In beiden Bereichen sind, wie erwähnt, bereits einige für uns äußerst spannende Projekte in Arbeit.

Wir werden auch das Abenteuer neuer angestellter MitarbeiterInnen begehen und so unser enges Team erweitern, um uns auf unsere individuellen Stärken im Team besser konzentrieren zu können. Dies wird uns auch erlauben, ein paar Ideen anzugehen, die wir seit dem Beginn unseres Unternehmens mit uns herumtragen und unserem Bedürfnis nach Innovation im digitalen auditiven Bereich Rechnung tragen werden."
HÖRTIPP/REZENSION
Mono finde ich meistens wahnsinnig langweilig. Fast alles Video, fast alles Audio, das ich konsumiere, höre ich auf Kopfhörern. Und deswegen mag ich auch breite Stereo-Landschaften und komplexe Stereo-Effekte, mag anspruchsvolle Podcasts wie 'Love + Radio', die mich und meine Ohren unter den Kopfhörern fordern.

Genau das tut auch der Podcast 'Mono - Meine Geschichte', eine Kooperation der Audio-Plattform 'Deezer' und des Magazins 'stern'. Zwar ist nicht alles am 'Mono'-Podcast perfekt. Aber das ist auch der falsche Anspruch für ein so neues Projekt.

Kein True-Crime-Format, kein Promi-Format, kein Sex-Format

Was mich aber trotz kleinerer Stör-Faktoren begeistert: Der Podcast hat ein Konzept, das sich vom Einheitsbrei der Podcast-Neustarts der vergangenen Monate angenehm unterscheidet:

'Mono' ist zum Glück kein True-Crime-Podcast Serial-Verschnitt, der mit den immerselben Erzählstrukturen und immergleichen Motiven langweilt. Er ist kein Promi-Format. Kein Sex-Format. 'Mono - Meine Geschichte' klingt auch ganz anders als die vielen hölzernen und halligen Büro-Gesprächsrunden mit ihrer Bürgerfunk-Anmutung mitsamt schlechten Schnitten, die in letzter Zeit von einigen Verlagshäusern veröffentlicht wurden und werden. Zum Glück. Aber ich will diesen Podcast nicht nur dafür loben, was er nicht ist.

Bei 'Mono - Meine Geschichte' erzählt ein/e Protagonist/in, immer ein besonderer Mensch. Bis auf Ausnahmen so gut wie allein. Das erinnert mich natürlich an den Stil von 'Love + Radio' und 'The Moth'. In der Podcast-Selbstbeschreibung von 'Mono' heißt es: "In jeder Folge geht es um einen einzigartigen Menschen, der seine Geschichte als first-person narration erzählt: mit seinen Worten und seiner Stimme. Die Autoren wählen die Gäste aus, interviewen sie und produzieren mit Hilfe von Musik und originalen Klangaufnahmen ein 20-minütiges Audiostück."

Eine wiedererkennbare Audio-Handschrift

Überzeugt hat mich letztendlich beispielsweise der Einsatz der Atmo-Spuren; der Mut zu Schnitten mit kurzer Stille und kurzen Pausen, wie gehört am Anfang von Episode 6 über den syrischen Flüchtling Ward Jouma. Die beiden Podcast-Autoren Jan Karon und Tassilo Hummel verstecken dabei nicht, verheimlichen nicht, dass es vor allem ihr Schnitt und ihre Bearbeitung sind, die den Rhythmus und die Anmutung bestimmen, mit denen ihre Protagonisten erzählen. Sie gehen ganz offensiv damit um. Dazu kommen die teils gewöhnungsbedürftige Auswahl der Musik und ihr Einsatz, wie beispielsweise in Folge 2 mit dem SPD-Abgeordneten Karamba Diaby.

Nicht jede dieser Entscheidungen der Podcast-Autoren gefällt mir in den bisher erschienenen Episoden. Müssen sie auch gar nicht. Die beiden Autoren haben aber schon jetzt eine wiedererkennbare Audio-Handschrift für ihren Podcast gefunden. Und das wiederum gefällt mir sehr gut. Die HörerInnen lernen in jeder Episode einen Menschen kennen. Sie lernen über alle Episoden hinweg das Audio-Handwerk der Autoren kennen. Der Podcast 'Mono - Meine Geschichte' steht für mich deswegen nach nur sechs Episoden ganz auf meiner Liste der spannendsten deutschsprachigen Podcast-Neustarts 2018. Ich wünsche mir, dass es in Deutschland bald weniger von der bisher dominierenden Podcast-Monotonie gibt und dafür mehr Podcast-Neustarts wie 'Mono'. 

Website: https://www.stern.de/kultur/mono-podcast/
iTunes: https://itunes.apple.com/de/podcast/mono-meine-geschichte/id1381334043?mt=2
 
Der Podcast 'Mono - Meine Geschichte' klingt auch ganz anders als die vielen hölzernen und halligen Büro-Gesprächsrunden mit Bürgerfunk-Anmutung mitsamt schlechten Schnitten, die in letzter Zeit von einigen Verlagshäusern veröffentlicht wurden und werden. Zum Glück. Ich wünsche mir, dass es in Deutschland bald weniger von der bisher dominierenden Podcast-Monotonie gibt und dafür mehr Podcast-Neustarts wie 'Mono'. 
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