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"Wann soll ich all das hören?"

 
'Die Dritte Welle' - so hat Podcast-Urgestein Tim Pritlove den aktuellen Wachstumsschub des Mediums Podcast auf der #subscribe9-Konferenz in München genannt.
Einerseits freue ich mich, dass es jetzt schlagartig so viel Neues gibt. Die hemmenden Podcast-Schleusen scheinen in (Medien-)Deutschland endlich gesprengt.

Andererseits befürchte ich: Aus der Dritten Podcast-Welle könnte schlimmstenfalls gerade eine Springflut zu werden. Angesichts der enormen Neustart-Taktung höre ich immer häufiger die Reaktion: "Wann soll ich all das hören?"
Und damit: Hallo zur 8. Newsletter-Ausgabe von Hören/Sagen!
Ausgabe 8
 
- 'Süddeutsche Zeitung' zieht nach - mit dem Podcast 'Das Thema'
- Rückblick: Was ich von der #Subscribe9-Podcast-Konferenz mitgenommen habe
- Links: Auf welcher Plattform Podcasts auch funktionieren können, US-Elefantenrunde über Podcasts, ICE-Portal mit "Cybercrime"-Podcast des HR
Noch vor Ende des Jahres hat die Süddeutsche Zeitung den eigenen Podcast geliefert. Er heißt 'Das Thema' und basiert (momentan) auf dem mittlerweile ebenso eingespielten wie erwartbaren Konzept des "Die Geschichte hinter der Geschichte erzählen"-Podcasts. 

Weniger erwartbar hingegen war (zumindest für jeden außerhalb des ICIJ-Recherchenetzwerks), dass die erste Geschichte im 'SZ'-Podcast auch gleich DIE Geschichte des Jahres 2017 ist. Dazu: Die reichweitenstarke Push-Benachrichtigung an die 'SZ'-App-NutzerInnen mit dem Hinweis auf den neuen Podcast gleich an dem Sonntagabend, an dem die große Geschichte losging. Insofern: Besser kann ein Podcast-Start nicht laufen, alles richtig gemacht.

Zumindest für diese Newsletter-Ausgabe möchte ich mal den Inhalt und Sound kurz ausklammern und lieber auf ein paar Rahmenbedingungen des 'SZ'-Podcast-Starts schauen: Denn der Konkurrent 'Spiegel Online' (Hören/Sagen 2) war der erste, der den Trend erkannt hat. 'Zeit Online' und Chefredakteur Jochen Wegner (Hören/Sagen 4) wiederum waren reaktionsschneller, haben die damals noch sehr klaffende Lücke "Täglicher News-Podcast" sehr gut erkannt und hat meiner Meinung nach mit einem "Quick-and-Dirty"-Ansatz erstmal schnellstmöglich reagiert. 

Die 'SZ' hat jetzt noch vor Jahresende den Zielbereich erreicht, während sich dort 'Spiegel Online' schon wieder für die nächsten Starts aufwärmt und 'Zeit Online' gerade noch die Krämpfe aus den Waden knetet, die der Kaltstart in das Podcast-Rennen gekostet hat.

Bemerkenswert am Podcast-Start der 'SZ' finde ich gleich mehrere Umstände. Zuerst: 'Das Thema' wird extern von 'ikone media' produziert, was gewisse Parallen zu 'Was jetzt' von 'Zeit Online' aufweist, der ja auch mit der externen Hilfe von Maria Lorenz entsteht. Dann: Die 'SZ' startet - wie 'Spiegel Online' - direkt in der ersten Folge mit Werbung. Aber die 'SZ' hat im Podcast sogar gleich ZWEI MIDROLL-Werbungen (!!), mitten im Podcast also, obendrein auch noch gelesen von der Moderatorin selbst, wenn auch musikalisch (leicht) abgesetzt.

Die Werbung halte ich in dieser Form für journalistisch schwierig, besonders für eine Institution wie die Süddeutsche. Mich wundert aber auch, dass ausgerechnet die 'SZ' die Audio-Entsprechung der Blinkenden-Werbebanner-mit-Autoplay-und-Verstecktem-Schließen-Button-Werbung für ihren Podcast wählt. Ich frage mich, welche (wirtschaftlichen) Überlegungen in diese Entscheidung eingeflossen sind.

Bemerkenswert finde ich außerdem bei den Podcasts der "Big Three" 'SPON', 'ZON' und 'SZ': Zwei von drei setzen auf Soundcloud. Nicht exklusiv, aber immerhin. Eine fragwürdige Entscheidung angesichts der Verfassung und zurückliegenden Entscheidungen von Soundcloud. Zeitgleich muss man auch eingestehen: Soundcloud ist (leider) immer noch eine der intuitivsten, schicksten und unkompliziertesten Plug'n'Play-Lösungen für den Anfang, der sowohl MacherInnen als auch NutzerInnen nicht vor allzu große Hürden stellt. 

Letzte Anmerkung: Hätte ich jetzt einen Podcast-Start in der Pipeline, ich würde ihn wahrscheinlich auf das neue Jahr verschieben. So groß die Freude angesichts des Wachstums ist: Ich glaube, der Neustart-Takt für größere Podcasts in Deutschland ist gerade zu schnell - vor allem dafür, dass so lange so wenig passiert ist.

Das schreibe ich nicht, weil ich mit dem Hören und Rezensieren gerade kaum mithalten kann. Sondern weil ich glaube, dass es ein Risiko gibt, dass sich eine gewisse Neustart-Erschöpfung einstellt, wenn die Aufmerksamkeitszyklen für Podcast-Neustarts zu heiß laufen. Einerseits in den Medien selbst, denn ich kann mir die genervte Frage "Schon wieder ein Podcast-Start?" in Redaktionskonferenzen schon sehr gut vorstellen. Andererseits bei den Podcast-Fans: Um sich mit den Neustarts anzufreunden und sie in die regelmäßige Nutzung aufzunehmen, braucht es erstmal genügend Entdeckungs-, Hör-, und Gewöhnungs-Zeit. 

Währenddessen gewöhne ich mich an die "Wow, wir sind auf Platz X bei iTunes"-Tweets aus allen Richtungen und streiche mir das Thema "iTunes-Charts als Indikator" einmal mehr auf der Ideenliste an.
Das Jahr 2017 hat uns mit einer ganzen Reihe Podcast-Starts versorgt. Jetzt wird uns das Jahr 2018 zeigen, wer dran bleibt: Sowohl bei den HörerInnen als auch bei den frischgebackenen MacherInnen.

2018 wird zeigen: Wem es nachhaltig gelingt,
eine mit Vorschusslorbeeren gewonnene Hörerschaft zu halten.
Und wer im Verdrängungswettbewerb durch Qualität und Konstanz letztendlich das Kinn über Wasser halten kann.

Denn die HörerInnen werden im Jahr 2018 erst recht fragen:
"Wann soll ich all das hören?!"
Und ihre Hör-Gunst mitleidslos verteilen.
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#SUBSCRIBE 9
Natürlich ist es schwer, ein ganzes Konferenz-Wochenende in ein paar Textzeilen zu raffen. Ich versuch's trotzdem mal...

Ein neues Podcast-Label stellt sich vor: hauseins

Wer deutsche Podcasts hört, kommt an zwei Stimmen kaum vorbei: An denen von Susanne Klingner und von Katrin Rönicke. Die beiden haben sich, mit einer ordentlichen Portion Enthusiasmus zusammengetan und das Label 'hauseins' gegründet. "Wir sind jetzt tatsächlich einfach mal losgerannt", erzählte mir Susanne im Gespräch. Trotz des Schnellstarts wollen es die beiden Frauen langsam, "Schritt für Schritt" angehen lassen. Denn: "Gefühlt bricht der Markt gerade erst auf".

Mit dem Ziel, "mehr Frauenstimmen, neue Stimmen, neue Perspektiven, neue Erfahrungen" auf den Podcast-Markt zu bringen und irgendwann mal "DEN geilen Storytelling-Podcast auf den Markt zu bringen", ergänzte Katrin.

Eines der auslösenden Momente, erzählte mir Susanne, war ihr einjähriger Besuch in den USA für ein Fellowship: "Dann waren dort als Speaker zu Besuch: Leute von Gimlet, NPR und von Vox media. Und ich fand das von Monat zu Monat spannender und habe dann irgendwann gedacht: 'Die sind uns ja immer fünf Jahre voraus und GENAU das wird in Deutschland irgendwann auch passieren.' So ein bisschen brodelt es ja schon." 

Und woher kommt der Name 'hauseins'? Aus dem englischen Wiktionary, verriet Katrin.

P.S.: Das vollständige Audio-Interview mit den Beiden werde ich in den nächsten Wochen noch auf meine Website stellen.

Das böse K-Wort: Kommerzialisierung

Von der "State of the Union"-Rede in Sachen Podcasting von Tim Pritlove zur Eröffnung am Freitag bis hin zur Feedback-Runde am Sonntagnachmittag zog sich eigentlich ein Thema durch die Konferenz: Die Kommerzialisierung beziehungsweise die Idee, mit Podcasts Geld zu verdienen. Mir hat's gefallen, weil das eine "Wie werde ich schnell stinkreich"-Diskussion war, sondern immer mit einer sehr langfristigen, nachhaltigen Perspektive argumentiert wurde. Andere störten sich sehr an diesem unabsichtlichen Schwerpunkt der Subscribe.

Für mich hat Max Jacob Ost (@gnetzer) DEN Vortrag zu diesem Thema und überhaupt DEN Vortrag der Subscribe gehalten: "Obergiesing gewinnt die Champions-League" ist ein Erfahrungsbericht darüber, wie der Fußball-Podcast 'Rasenfunk' (gezwungenermaßen) Geld verdienen muss. Und in dieser Geschichte fällt für mich im Kleinen all das zusammen, was das Podcast-Medium als Ganzes gerade beschäftigt.

Dazu passt sehr gut der Vortrag von Philip Banse, der unterhaltsam von seinen Erfahrungen mit Paid Content bei seinem Politik-Podcast 'Lage der Nation' berichtet und das Für und Wider von Exklusiv-Inhalten bei Podcasts abgewogen hat.

Die Subscribe

Sehr gut organisiert. Der Dreiklang aus Essen, Trinken und vorbildlicher Pünktlichkeit bei allen Vorträgen und Seminaren sind bei so einem Wochenende für mich die halbe Miete. Die ebenfalls vorbildliche Nahezu-Voll-Dokumentation online erleichtert auch die Entscheidung, mal hier und da ein, zwei Vorträge oder Seminare auszusetzen. Die familiäre Atmosphäre macht es außerdem leicht, ins Gespräch zu kommen. Inhaltlich kam mir beispielsweise die Diskussion über die Bedürfnisse der HörerInnen auf der Subscribe zu kurz - wobei sich die Konferenz vor allem mit den Workshops eher an PodcasterInnen und in Richtung Technik orientiert.

Laut Tim Pritlove waren mit 150 Teilnehmern so viele wie noch nie angemeldet. Die Radiomacher-Quote war wahrscheinlich auch so hoch wie nie, während das (schlecht) geschätzte Geschlechterverhältnis von 90 % Männern zu 10% Prozent Frauen zeigt: Mangelnde Vielfalt ist weiterhin ein Thema für das Medium Podcast in Deutschland. 
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Das war's für die achte Ausgabe des Hören/Sagen-Newsletters.
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