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"This is not about the 90% of podcasts that are still three people at a table talking about something. [...] 

Storytelling formats are going to set the tone and dominate the fancy end of podcasting. The iconic 2018 podcast is going to be a true story told using the techniques of fiction." 

 
"Podcasting - welcome to the symphonic era", so heißt der, wie ich finde, sehr lesens- und speichernswerte Blog-/Medium-Beitrag von BBC-Social-Media-Redakteur Steve Bowbrick.
Ich glaube, die von ihm beschriebenen Podcasts werden uns 2018 noch stärker als schon 2017 beschäftigen: Die schicke Hochglanz-Ecke.

Denn angesichts der zunehmenden Quantität an Podcast-Produktionen und -Akteuren sowie dem damit verbundenen Aufkommen der Frage "Wann soll ich das alles hören?", wird die von Bowbrick beschriebene "sinfonische Qualität" eine immer größere Rolle spielen: Im Wettstreit um Aufmerksamkeit, um HörerInnen und um letztendlich Geld - unabhängig davon, ob es aus Werbe-Etats oder Fan-Portemonnaies kommt.
Und damit: Hallo zur 10. Newsletter-Ausgabe von Hören/Sagen!
Ausgabe 10
 
- Reingehört: 'Endless Thread' von WBUR & Reddit
- Hör-Tipp: 'I'm stuck in here' von BBC 4
- Links: 11 Grundpfeiler moderner Podcasts; Ein deutsches 'Ear Hustle'?; Das Genre True Crime; Podcast-Comics
Es ist eine zugegeben eigenwillige Paarung: Der NPR-Sender WBUR aus Boston kooperiert mit Reddit.com, der selbsternannten 'front page of the Internet'. Heraus kommt dabei der Podcast 'Endless Thread', ein unterhaltsamer Podcast mit echten Menschen und echten Geschichten, die auf Reddit.com zu finden sind. Dessen erste Folge ist seit dem 12. Januar zu hören. Obwohl der Podcast damit gerade erst begonnen hat, stecken schon im Konzept ein paar notierenswerte Ansätze. Das selbe gilt für die erste Episode, obwohl die beim ersten Höreindruck zuerst sehr seicht klingt - und sich ohne größere Mühen 'Nebenbei weghören' lässt. 

Ich möchte in dieser Ausgabe kurz die Lupe über 'Endless Thread' halten: Erst mit einem versprochen-spoilerfreien Blick auf die Struktur der erste Episode. Dann mit einem Blick auf das Konzept des Podcasts. Ich bin mir dabei bewusst, dass der Podcast 'Endless Thread' inhaltlich nicht jedem Hören/Sagen-Abonnenten zusagen wird. Ich will auch nicht behaupten, das 'Endless Thread' der neue Storytelling-Podcast wird. Aber vielleicht schafft ja das alles den nötigen Betrachtungsabstand für die Analyse.
Die Struktur: Was in den 27 Minuten der ersten Episode steckt

Die ersten 45 Sekunden
Klassisch für die US-Podcasts: "First, a message from our sponsors..."

Ab 45 Sekunden
Die ersten drei Minuten von 'Endless Thread' schmeißen die HörerInnen direkt ins kalte Wasser: Cold Open, wie bei Saturday Night Live. Will heißen: Wir landen direkt in einem (halb-ironisch geschauspielerten) Gespräch der beiden Hosts, lernen halbironisch-beiläufig deren Namen, Sprechweise und Lachen kennen. Da ist kein steifes "Hallo, wir sind X und Y und das hier ist der Z Podcast. In dem wollen wir Dies und Das machen."

Das Kaltstart-Schema scheint bei den US-Podcast-Starts mittlerweile Gang und Gäbe, obwohl es genau genommen eigentlich kein Kaltstart ist - sondern gut gesetztes Marketing. Das läuft in der Regel so: Erst wird der Podcast angekündigt (ohne konkretes Datum) - dann wird bereits der Podcast-Feed eingerichtet - mit der Aufforderung an alle Interessierten, schon vorab zu abonnieren, damit sie die erste Folge auf keinen Fall verpassen können. Im Trailer, der in der Regel ein, zwei Monate vor dem offiziellen Podcast-Start veröffentlicht wird, werden dann die W-Fragen geklärt. Damit ist für die erste echte Episode der Weg bereitet - und die Werbetrommel ordentlich gerührt.

Minute 3
Nach drei Minuten Geplänkel ist - sehr elegant und subtil - für die HörerInnen die Rollenverteilung der beiden Podcast-Stimmen geklärt: Ben Brock Johnson ist der Nerd, der sich bei Reddit auskennt. Amory Sivertson ist der Sidekick, der für die Nicht-Nerds einspringt. Und erst an dieser Stelle kommt das eigentliche Intro samt Musik, in dem aber trotzdem nochmal in 30 Sekunden die Grundidee des Podcasts erklärt wird. Für alle, die den Trailer nicht kennen. Und für alle, die mal etwas über Redundanz im Medium Audio aufgeschnappt haben.

Minute 4
"We're about to hear two stories..." Hier gibt's die Einführung, was die HörerInnen erwartet, wie der Podcast aufgebaut sein wird. Und es gibt den ersten Teaser auf die zentrale Story der Episode. Der erste Spannungsbogen wird geöffnet ... "We got a big one for you, about a flight unlike any other. But first..." und dann werden die HörerInnen direkt auf später vertröstet. 

Minute 4 bis 8
Die Vorspeise: Story 1 fängt am Endpunkt an. Damit wird hier direkt der nächste Spannungsbogen geöffnet - eine Geschichte mit eigener Mini-Dramaturgie erzählt - und nach nur vier Minuten auch wieder geschlossen. Ein Häppchen. Für Ungeduldige. Oder Podcast-Ungeübte?

Fast schon Aufmerksamkeits-Mikromanagement würde ich das nennen, was sich in den ersten Podcast-Minuten bis hier hin abspielt hat. Alles, wirklich alles scheint sehr genau darauf ausgelegt, dass Tempo und damit die Aufmerksamkeit bei den HörerInnen hochzuhalten. Wer einen Reddit-Podcast absolut uninteressant findet, sollte trotzdem zumindest bis hier reingehört haben.

Minute 8 bis 15
Der Hauptgang. Story 2 fängt mit einem abstrakten Gedanken an (es geht um das Zusammenspiel von mehreren Fehlern), erst dann geht es um die konkrete Geschichte, in der das abstrakte Konzept eine Rolle spielt. Bis wir zum Höhepunkt der Handlung kommen, bevor bei...

Minute 15 bis 17
... der große Werbeblock folgt. Der aber etwas Zeit lässt und Raum schafft, um bei Hintergrundberieselung die erste Hälfte der Geschichte zu verdauen. Und die erste kurzweilige Hälfte des Podcasts.

Minute 17 bis 22
Weiter geht's. Die erste Perspektive auf die gesamte Story 2 wird abgeschlossen. Nun wird erklärt, warum die nächste Perspektive auf die selbe Story interessant ist: Weil wir nun zum Protagonisten wechseln.

Minute 22 bis 24
Einschub. Die Geschichte hinter der Geschichte: Das Host-Duo erzählt, wie schwer es war, den Protagonisten von Story 2 für den Podcast zu gewinnen, wie der reagierte, wir hören Audios aus dem Entstehungsprozess, ...

Minute 24 bis 27
Abschluss von Story 2. Auch klassisch für die US-Podcasts: Die Zusammenfassung. Was bedeutet die Geschichte? Was haben wir gelernt? Was nehmen wir mit?

Minute 27 bis 29
Konkreter Ausblick auf die nächste Episode mitsamt Ausschnitt, spielerischer Umgang mit den Credits/Danksagungen

Minute 29 bis 30
Kontaktmöglichkeiten, Bitte um Podcast-Bewertung und Abonnements
Sicherlich könnte man die Einzelbestandteile des Podcasts noch weiter auftrennen, noch tiefer in die Details zoomen. Ich will damit eigentlich nur exemplarisch zeigen: Hier ist nichts dem Zufall überlassen. Der Podcast bzw. seine erste Folge ist durch-orchestriert. Und da schließt sich auch der Kreis zur bereits im Vorwort erwähnten "symphonic era". 'Endless Thread' ist sinfonisch, wenn auch in einer anderen Art und Weise als es das vielleicht definitiv 'Love + Radio' oder 'Radiolab' sind. Und damit hat der Reddit-Podcast mit seinem Start im Jahr 2018 eine Chance im Wettbewerb.

Denn nicht nur ist bei 'Endless Thread' die Handschrift von Ben Brock Johnson erkennbar (dazu gleich mehr). Sondern hier ist, wie ich glaube, alles sehr bewusst darauf ausgelegt, minimale Reibung auf dem Weg durch die erste Episode zu bieten. Hier finde ich auch meinen ersten Höreindruck wieder: Die Einzelbestandteile sind ziemlich kurz - der Podcast hat knapp 30 Minuten - und zumindest die erste Episode ist für das Nebenbei-Hören gemacht.

Keine großen Pausen, keine langen Gedanken- oder Spannungsbögen, Abschalt- und Ausstiegsmomente vermieden. Man könnte an der Stelle verächtlich schnauben. Aber das sind bewusste, handwerklich gut umgesetzte Entscheidungen. Nicht, weil dass die Aufmerksamkeitsspannen der HörerInnen anders nicht hergeben würden. Sondern weil es die erste Episode ist. Es ist ein Kennnelernen: Einen neuen Bekannten konfrontiert man nicht beim ersten Treffen gleich mit all den eigenen Angewohnheiten, Macken und Schwierigkeiten - sondern lässt sich Zeit, zur gegenseitigen Gewöhnung.

Trotzdem zeigt 'Endless Thread' Charakter, springt von Mini-Segment zu Mini-Segment; letztendlich gelingt es dem Podcast, damit irgendwie die eigenwillige Optik und Dynamik, das Quirlige, das Sprunghafte, das Chaotische der Internetseite Reddit hörbar werden zu lassen, alles in einen Podcast zu gießen. Ein Podcast, wie gemacht für die anvisierte Hörergruppe. Was uns zum nächsten Abschnitt bringt: 
Das Konzept: Was sich Podcast-Deutschland abschauen kann

1) Mut zur Podcast-Kooperation

WBUR aus Boston ist "nur" der sechsgrößte Sender im Verbund von NPR. Dem Sender ist es in den vergangenen Jahren gelungen, Kooperationspartner an sich zu binden, die eigentlich in einer anderen Liga spielen: 

Mit der New York Times/ für die New York Times produziert WBUR nicht nur den erfolgreichen Podcast 'Modern Love' zur noch erfolgreicheren und gleichnamigen Liebeskolumne der New York Times, sondern auch den Ratgeber-Podcast 'Dear Sugars'. Die Zusammenarbeit mit der NYT stammt aus übrigens einer Zeit, in der an den Erfolgspodcast 'The Daily' noch nicht zu denken war - und die Zeitung überhaupt noch ganz mutig ihre Audio-Abteilung aufbaute. Dazu gesellt sich ein Podcast namens 'Edge of Fame' über bekannte und unbekannte Künstler zusammen mit der Washington Post, der seit September angekündigt ist. Zur Liste kommt dann auch der tägliche (!) Sport-Podcast 'Season Ticket', der in Zusammenarbeit mit dem Boston Globe entsteht. Puh, viele Links, viele Kooperationen. In diese Kette fügt sich auch die Kooperation von WBUR mit Reddit bei 'Endless Thread'.

Erste Gemeinsamkeit: Die Partner hatten/haben keine Audio-Erfahrung, dafür aber erstklassige Inhalte. WBUR bietet seine Expertise an - im Gegenzug darf der Radiosender die aus der Kooperation entstandenen Audio-Produktionen auch selber nutzen. Die zweite Gemeinsamkeit: Hinter allen Inhalten stehen bereits entwickelte und funktionierende, treue (Fan-)Gemeinschaften.

Ganz unabhängig davon, wie man zu Reddit und Teilen der Community dort persönlich steht: Gemeinschaften und Communities zu einzelnen Themen gibt es dort wie Sand am Meer. Und nicht zu vergessen, dass die Plattform und ihre Fans für sich genommen nochmal eine themenunabhängige Gemeinschaft ergeben. 

2) Einen Podcast-Start vorbereiten und wohlüberlegt angehen

Im Interview mit dem 'The Kicker'-Podcast von Columbia Journalism Review (ohnehin eine Hör-Empfehlung für alle US-Medien-Nerds; der Inhalte wegen - nicht wegen der Audioqualität) berichtet Moderator Johnson: Sechs Monate hat sich das Team von 'Endless Thread' genommen, um die Plattform Reddit kennenzulernen und zu verstehen - und damit auch die potenziellen HörerInnen. 

Das ist auch, was mir an 'Endless Thread' so sehr gefällt. Ein Podcast-Team stellt sich bereits lange Zeit vor der ersten Aufnahme die Frage: "Was kann unser Podcast dieser Gemeinschaft, dieser Community versprechen, bieten und liefern?" Das ist eine andere, stärker am Publikum orientierte Perspektive als das leider oft verbreitete und hektisch-getriebene: "Wir machen jetzt auch einen Podcast. Nach exakt diesem Konzept, das wir uns überlegt haben. Wo finden wir nun die passenden HörerInnen zu unserem fertigen Konzept?"

Dass aber eine gepflegte und gewertschätzte Gemeinschaft, eine treue Community, sehr wertvoll ist - das ist für viele langjährige Podcast-ProduzentInnen und deren HörerInnen seit Jahren selbstverständlich. Und sollte auch für Neu-ProduzentInnen im Speziellen und Medienschaffende im Allgemeinen kein Geheimnis mehr sein - und aller, allerspätestens seit der Newsfeed-Umstellung bei Facebook nicht mehr.

Wir werden sehen, inwiefern WBUR beim neuesten Podcast mit dem Modell Gemeinschaft/Community Erfolg haben wird. Ich bin da optimistisch. Mit Ben Brock Johnson hat der Radiosender auch jemanden eingekauft, der mit exakt so einem Modell schon Erfahrung gesammelt hat: Johnson hatte zuvor den noch heute sehr hörenswerten Meta-Technologie-Podcast 'Codebreaker' moderiert. Wie der Name verraten könnte, gab es einen Code für die Fans zu knacken: Wer neue Episode schon vor der offiziellen Veröffentlichung hören wollte, musste einen Code entschlüsseln. Und wo fand die Unterhaltung über den Podcast und das Codeknacken statt? Richtig! Auf Reddit.
'Endless Thread' zeigt, wie ein Podcast-Start 2018 vorbereitet sein will. Die MacherInnen haben sich Monate vorher gefragt: Was kann unser Podcast dieser Gruppe, diesen konkreten HörerInnen versprechen, bieten und liefern? Das ist eine andere Perspektive als der leider oft verbreitete, hastig-gehetzte Ansatz:
"Wir wollen jetzt exakt diesen Podcast machen und haben ein fertiges Konzept. Wo finden wir jetzt die passenden HörerInnen zu unserem fertigen Konzept?"
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(META-)HÖRTIPP
Eine Radio-Dokumentation über Radio-Dokumentationen und Podcasts. Schon mit dieser Beschreibung hatte mich 'I'm stuck in here' von BBC 4 als Hörer gewonnen. Ich will nicht zu viel vorwegnehmen, deswegen halte ich mich an dieser Stelle kurz: Das Stück ist eine witzige Audio-Reise mit Augenzwinkern, die zeigt, mit welchen Werkzeugen und Angewohnheiten das Medium Audio häufig arbeitet - mal wohlwollend, mal ironisch. Britischer Humor für Skurriles trifft Meta-Blickwinkel auf Audio-Storytelling.

Website*: http://www.bbc.co.uk/programmes/b09jx8mk

(*anscheinend Web-only, deswegen kein Podcast-Link - jedenfalls habe ich keinen gefunden)
LINKS
Das war's für die zehnte Ausgabe des Hören/Sagen-Newsletters.
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