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Ein großes Danke!

Über 115 Menschen haben diesen Newsletter in der ersten Woche abonniert. Wahnsinn!

Das liegt nur daran, dass es so viel öffentliches Lob, Vorschusslorbeeren und Empfehlungen von sehr, sehr netten Menschen gab - zum Teil schon vor der ersten Ausgabe. Vielen lieben Dank dafür! Ich werde mein Bestes geben, dem gerecht zu werden.
Und damit: Hallo zur 2. Newsletter-Ausgabe von Hören/Sagen!
Ausgabe 2
 
- Reingehört bei 'The Daily' der New York Times (Nerd-Edition)
- Hör-Tipp: 'Our Friend David' von 'This American Life' + 'Radio Atlantic'

(Jup. This American Life als Hör-Tipp. Ja, wirklich. Ganz un-ironisch.)
Links: NYTimes Podcast Club; Das angeblich nächste 'Das nächste Serial'; Schnell-Hören von Podcasts; 'This American Life' before it was cool
Goldstandard.

Mir fällt schlicht kein besseres Wort ein, um 'The Daily' zu beschreiben. Was der werktägliche Podcast der - mittlerweile muss man sagen ehemaligen Gray Lady - New York Times seit Ende Januar leistet, ist beeindruckend und alles anderes als grau. Woche für Woche, Tag für Tag.

Das Team um Host Michael Barbaro löst - scheinbar mühelos - genau die anspruchsvolle Erwartungshaltung ein, die in der Unterzeile des Podcasts geweckt wird:
 
"This is how the news should sound" 

Es mangelt nicht gerade an Rezensionen und Lob für 'The Daily' - zumindest in der englischsprachigen Medienwelt wurde und wird der Podcast ausführlich wahrgenommen und besprochen, sehr lesenswert natürlich Nick Quah's Hot Pod dazu. Immerhin sah sich NPR gezwungen, sehr schnell mit 'Up First' zu reagieren. Auch in den Apple Podcasts Charts für Deutschland ist 'The Daily' regelmäßig in den Top-100 vertreten, was grundsätzlich für eine gewisse Beliebt- und Bekanntheit auch hierzulande spricht.

(Den undurchsichtigen Chart-Algorithmus von Apple Podcasts und die Problematik, wenn er als absolutes Erfolgs-Barometer interpretiert wird, klammere ich an dieser Stelle einfach mal aus.)

Der Sinn der langen Vorrede: Trotz dieser Bekanntheit möchte ich mich in dieser Ausgabe ausführlich und detailliert 'The Daily' widmen. Weil ich glaube, dass sich das zweite Hinhören auch bei den "Giganten" lohnt - und es selbst bei denen noch eine gewisse Lücke zu schließen gilt. So let's get nerdy!
REINGEHÖRT: 'THE DAILY'
Ich habe die Episode heruntergeladen, in Adobe Audition geladen und alle relevanten Interaktionen in den ersten Minuten mit Markern versehen. Das Ergebnis: Vier (mutmaßliche) Schnitte, neun Interaktionen - in den ersten 3 Minuten 45 Sekunden.
Was ist bemerkenswert, was zeichnet 'The Daily' aus? Ein Beispiel aus der Episode vom 18. August 2017 - "Special Edition: The Fall of Steve Bannon".
  • 1: Michael Barbaro bringt sich als Host/Moderator mit seiner Persönlichkeit ein, aber ohne dass er damit unnötig im Vordergrund steht. Seine Reaktionen sind häufig sehr emotional, aber stets absolut authentisch. Damit macht er es HörerInnen nicht nur leicht, eine Form von Bindung zu ihm und dem Podcast aufzubauen - sondern er lässt damit den Podcast nebenbei wie ein echtes Gespräch klingen. Obendrein weist er mit seinen Reaktionen die HörerInnen intuitiv auf relevante Stellen hin. 
Barbaro reagiert innerhalb dieser kurzen Zeitspanne von knapp vier Minuten neun Mal hörbar (!) auf einzelne Aspekte der Antwort, die ihm die Reporterin Maggie Haberman zu Trump, Charlottesville & Bannon gibt. Kleine zustimmende "Hmms" zwischendurch, ein überraschtes "Wow!".

In einem klassischen Radio-Interview wären diese hörbaren Reaktionen für Viele wahrscheinlich No-Go's gewesen. Aber es sind genau diese Reaktionen, die den Podcast so hörenswert natürlich klingen lassen. Echte, alltägliche Gespräche leben von Interaktion - und bei 'The Daily' darf man genau das mithören.

Das bricht mit Konventionen und Gewohnheiten aus dem traditionellen, hochpolierten, vielleicht mittlerweile altbackenen Radio, kommt aber trotzdem oder gerade deswegen an. Auch Ira Glass von This American Life und viele andere Storyteller schwören auf den Einsatz solcher Reaktionen, auch wenn sie von den Reportern selbst kommen. Das auch 'The Daily' sich in diesem Werkzeugkasten bedient, ist wenig verwunderlich: Ein Daily-Producer arbeitete vorher beim NPR-Flagschiff 'All Things Considered', ein anderer war vorher bei Radiolab.

Michael Barbaro sagt selbst im Inside Times Interview:
"Audio is uniquely capable of conveying and capturing emotion and curiosity. I mean, people in their emails to us, all time, they notice the smallest thing about me and about our guests. The reporter becomes such a flesh-and-blood-person on 'The Daily'. [...] It's a level of connection and humanity that's really hard to match in print." - Michael Barbaro
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So natürlich 'The Daily' auch klingen mag - wie bei vielen vergleichbaren US-Interviewformaten (bspw. 'Fresh Air' auf NPR, mit Terry Gross oder eben This American Life) sorgt ironischerweise eine detailversessene Bearbeitung für diese Natürlichkeit.
  • 2: Mit 70-prozentiger Sicherheit behaupte ich, dass es in den ersten vier Minuten vier Schnitte in den Antworten von Maggie Haberman gibt. Das deutet an, wieviel hier noch in der Produktion optimiert wird. Unabhängig davon, ob das so tatsächlich stimmt oder mein Gehör mich täuscht: An 'The Daily' arbeitet ein Team von sieben Personen - den ganzen Tag.
Grober Tagesablauf, laut dem Inside Times Interview von Barbaro: Die Themenkonferenz der NYT endet 9 Uhr 30, danach wird das erste Thema für 'The Daily' entschieden, aufgezeichnet wird von 13 bis 16 Uhr - danach "edit, edit... and edit". Am frühen Abend wird die Moderation geschrieben und aufgezeichnet. "This day is long", sagt Barbaro im Interview. Das alles passiert für ein 20 Minuten langes Audio. Oha.
  • 3: Beachtlich ist die ästhetische, audiophile Qualität von 'The Daily'. Das liebevolle Timing der Musik in Intro und Outro. Dazu der Wiedererkennungswert durch den immergleichen, formelhaften Ein- und Ausstieg: "From the New York Times, I'm Michael Barbaro. This. Is. 'The Daily'. Today..." // "That's it for 'The Daily', I'm Michael Barbaro."
Wie Tobias Gasser (@TobGass) auf Twitter anmerkte, arbeitet 'The Daily' in viele Episoden mit atmosphärischen Tönen im Hintergrund, während im Gespräch erlebte Szenen beschrieben werden, wie beispielsweise in der ersten Episode über die Gewalt von Charlottesville. Auch Teilstücke aus Pressekonferenzen, Interviews und Videomaterial werden häufig in die Gespräche von 'The Daily' geschnitten - nahezu jedes diskutierte Zitat taucht auch als Originalmitschnitt auf. Insgesamt: Ein hoher Produktionsaufwand, der aber den Podcast deutlich von denen der Print-Konkurrenz abhebt.
Was können also RadiomacherInnen, PodcasterInnen und Redaktionen in Deutschland von 'The Daily' lernen? 
  • In einem nahezu gesättigten Markt der (Politik-)Podcasts wird herausragende Produktionsqualität zunehmend zum entscheidenden Merkmal, entweder um sich durchzusetzen oder um überhaupt noch wahrgenommen zu werden. In den USA ist letzteres längst der Fall; es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis der auch in Deutschland erreicht sein wird. Ein schlechtes Mikrofon in einem halligen Raum auf den Tisch zu stellen, Aufnahme und Veröffentlichung ohne Schnitt - das wird in Zukunft zumindest für Medienhäuser kaum noch ausreichen.
     
  • Natürliche Reaktionen, Interaktionen und Emotionen ergänzen die inhaltliche Ebene eines Gesprächs/Interviews um eine weitere Qualität. Das klingt wie eine Binsenweisheit, wird aber viel zu selten in Radio und Podcasts berücksichtigt. Dass eine sehr nüchterne Zeitung wie die New York Times auf emotionales Audio setzt, sagt einiges darüber, wie persönlich Podcasts in ihrer Ansprache sein können und müssen. 
     
  • Besonders für Radiojournalisten stellt sich die Frage, inwiefern das klassische Radio-Nachrichtenformat überdacht oder ergänzt werden muss. 'The Daily' löst sich von den stündlichen Wasserstandsmeldungen der Nachrichten und schafft es, trotzdem aktuell und relevant zu sein - und ganz nebenbei auch noch schön anzuhören. "This is how the news should sound" - right?
    Beachtlich, dass dieses Experiment einem Podcast einer Zeitung gelingt - und nicht einem Radiosender wie NPR. Und weil es hier so gut passt, sei hier auf die '15 Thesen zur Zukunft der Radionachrichten' von Dietz Schwiesau verwiesen. 
HÖR-TIPP
'This American Life' kann man natürlich jede Woche empfehlen (oder es auch lassen), schließlich gilt es mittlerweile längst als Prototyp, als 'Ur-Podcast'. Denn TAL klang als Radiosendung schon nach persönlichem Storytelling, noch bevor es 2006 überhaupt einen eigenen Podcast-Feed anlegte - und lange bevor dieser Stil zum definierenden Merkmal der sogenannten "US-Podcasts" wurde.

Empfehlen möchte 'This American Life' in dieser Woche nicht nur, weil es mein persönlicher Allzeit-Favorit und feste Anlaufstelle in der Nacht von Sonntag auf Montag ist, sondern vielmehr weil die (wiederholte) Episode "Our Friend David" für genau den Teil des Konzepts steht, der oft übersehen wird: Den weniger recherche-fokussierten, experimentierfreudigeren Teil mit feuilletonistischen, literarischen Essays, Hommagen und Texten - die, zumindest gefühlt, in den frühen Episoden deutlich häufiger vorkamen.

Das Porträt 'Our friend David' hat mir schon bei der ersten Ausstrahlung nach dem Tod von David Rakoff förmlich den Boden unter den Füßen weggerissen. In dieser Woche gibt es anlässlich seines fünften Todestages eine Episode mit neuen, bisher ungehörten Teilen. Die Variante von 2012 gibt es ebenfalls noch auf der Website.

Direktlink zur Website:
https://www.thisamericanlife.org/radio-archives/episode/472/our-friend-david

Apple iTunes (Episode):
https://itunes.apple.com/de/podcast/472-our-friend-david/id201671138?i=1000390997456&mt=2
 

Bonus:
Und wem TAL doch zu erwartbar ist: Ich bin kein Fan von Diskussionsrunden-Podcasts. Aber die Diskussion von 'The Atlantic'-Autoren (u.A. Ta-Nehisi Coates) zu Trump, Republikanern und White Supremacy war die mit Abstand beste Einordnung, die ich in dieser Woche zu Charlottesville konsumiert habe.

Direktlink zur Website:
https://www.theatlantic.com/national/archive/2017/08/radio-atlantic-ta-nehisi-coates-and-yoni-appelbaum-on-charlottesvilles-aftermath/537288/

Apple iTunes (Episode):
https://itunes.apple.com/de/podcast/ta-nehisi-coates-yoni-appelbaum-on-charlottesvilles/id1258635512?i=1000391173613&mt=2
 
LINKS
Das war's für die zweite Ausgabe des Hören/Sagen-Newsletters. Ich bin weiter auf der Suche nach dem richtigen Format für diesen Newsletter und freue mich deswegen über Rückmeldungen und Feedback. Und: Nächstes Mal gibt es einen deutschsprachigen Hör-Tipp, versprochen. ;)

P.S.: Beim wöchentlichen Erscheinungsrhythmus werde ich aller Voraussicht nach nicht bleiben können. Wahrscheinlich werde ich mich irgendwo bei "Alle 10 bis 14 Tage" einpendeln.
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