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Hallo zur 21. Newsletter-Ausgabe von Hören/Sagen!
Ausgabe 21
 
- Warum die App 'Clubhouse' und Podcasts mehr trennt als verbindet
- Hörtipps: 'My year in Mensa' & 'Constellation Prize' – Kleines Storytelling ganz groß
- Linkliste: Plattform-Verantwortung; Podcasts auf Youtube; "Caliphate"-Debakel; Wann eine Story einen Podcast hergibt
Als ich in der letzten Newsletter-Ausgabe Ende November einen Link zu 'Clubhouse' in die Linkliste gepackt habe, war ich mir nicht sicher, ob das jemanden interessiert. Aber hey, ist ja ein soziales Netzwerk für Audio. Also notierte ich:

"Ich glaube ja nicht an Audio-Twitter, vor allem nicht, wenn es von Twitter kommt: Aber nach den Audio-Tweets, die ungefähr niemand nutzt, testet Twitter laut techcrunch.com auch Audio-Räume. Nun, interessiert hat es niemanden so recht, und das ist auch okay so. 2,4% Klickrate für den Link zum Audio-Twitter, 0,8% Klickrate für den Verweis auf den Thread von Taylor Lorenz. Das ist ungefähr die Liga, in der auch meine Referenzen auf vergangene Hören/Sagen-Ausgaben klicken. Ich sollte das lassen. Mache ich aber nicht.

Vielleicht sähe das diese Woche alles ganz anders aus. Jedenfalls scheint klar: Seit vergangener Woche ist "Clubhouse" in die deutsche Medienbubble eingedrungen und seit dieser Woche ist die App der neue heiße Scheiß, über den alle reden. Zumindest auf Twitter. Ich habe ja mir ja leider diesen sehr teenager-haften Reflex erhalten, oft Dinge prinzipiell erstmal doof zu finden, die gerade der heiße Scheiß sind. Und ich hatte mir auch vorgenommen, mich eben nicht in die Hot Takes zu "Clubhouse" einzureihen. Aber jetzt sind wir hier, du hast jedenfalls diesen Newsletter geöffnet und ich habe diese Zeilen geschrieben. Also bringen wir es hinter uns.

Ich könnte viel an "Clubhouse" kritisieren. Zum Beispiel, …
  • … dass die Netzwerk-Einladungen nur bei Vollzugriff auf dein komplettes (!) Kontaktbuch möglich sind (Deinen Whatsapp-Kontakten gefällt das. Bei Facebook übrigens. Und bei Instagram. Aber da bist du nicht so datensparsam, weiß zumindest Mark Zuckerberg.)
  • … dass es nur eine iOS-Version, keine Android-Version und auch keine Browser-Version gibt.
  • … dass die App – wie Taylor Lorenz glücklicherweise nicht müde wird zu dokumentieren – eine ziemlich katastrophale Bilanz in Sachen Content Moderation hat.
  • … und dass sich zu einem systematischen Problem entwickelt: "The invite-only app, which has drawn attention for anti-Semitic speech and harassment issues, says it’s focused on making users feel safe. But due to its very nature, it has become a haven for the powerful to flirt with misogyny and racism", schreibt 'Vanity Fair' über 'Clubhouse'.
  • … dass einer der Co-Gründer bisher in unterschiedlichen Projekten bewiesen hat, dass Content Moderation nicht das ist, was ihn jetzt unbedingt interessiert, wie Casey Newton in seinem mittlerweile eingestellten Newsletter "The Interface" schrieb. (Weiter geht's seitdem bei 'Platformer' – ein Newsletter-Tipp).
  • … einmal mehr unklar ist, ob, wie und wann sich eine US-amerikanische App gegenüber europäischen Datenschutz und deutschem Recht verhalten wird. Zumal aus deutscher Perspektive die Content Moderation erst recht eine Herausforderung für das kleine 'Clubhouse' wird, weil Live (!), Audio (!!), und auf Deutsch (!!!).
Aber das ist alles nicht meine Expertise.

Wen diese furchtbar-sympathischen Eigenschaften dieser App nicht ohnehin komplett abhalten (sollten sie), fragt sich vielleicht, ob an der App was Bemerkenswertes für die Audio-Welt und Podcast-Macher*innen ist. Was mir aufgefallen ist:

Ersteindruck:
  • 'Clubhouse' ist live und linear. (Gähn. Jaja, der Lagerfeuer-Moment von Live-Momenten. Ich glaube halt nicht mehr dran. Aber ich bin halt auch so ein nachwendegeborener Ossi-Millenial, was weiß ich schon.)
  • 'Clubhouse' fühlt sich deswegen mitunter an wie eine große Konferenz (Messehalle oder Zoom) oder wie Twitch, Periscope – nur mit vergleichsweise mehr Augenhöhe zwischen Speaker und Publikum. Oder wie Facebook Live Audio. (Da waren sich auch alle anfangs sicher, dass es der Dealbreaker für Audio wird. War es übrigens nicht.)
  • Schon jetzt finde ich es schwer, Relevantes herauszufiltern und wirklich Neues zu entdecken, statt in die großen Räume mit den bekannten Namen reinzustolpern. Wenn die Podcast-Entdeckung "kaputt" ist, dann ist Live-Audio-Entdeckung schrottreif. Da helfen auch die Auswahl von Themen und Kategorien nur bedingt weiter.
  Höreindruck:
  • Sehr viel der Diskussionskultur und Atmosphäre scheint mir von der Arbeit der Moderator*innen in den Räumen abzuhängen.
  • 'Clubhouse' kann im besten Fall klingen wie ein gut moderierter Konferenz-Talk oder ein guter Live-Podcast mit Publikumsinteraktion.
  • Im schlimmsten Fall fühlt es sich an wie schlecht organisierte Video-Konferenzen, die wir spätestens seit der Pandemie alle leidenschaftlich hassen. Die nicht geschlossenen Mikrofone, die gegenseitigen Unterbrechungen, die ungefragten Co-Referate.
  Community-Eindruck:
  • No surprise: 'Clubhouse' zieht scheinbar, auch in Deutschland, die selbe Early-Adopter-Digitalistan-Blase wie immer an, die auch viel Sichtbarkeit erfährt. Also auch viele Männer mittleren Alters, die mit anderen Männern mittleren Alters reden. Die das manchmal sogar schon in Podcasts machen.
  • Referenzen zur frühen re:publica und dem frühen Twitter sind anscheinend obligatorisch, als Ausweis der eigenen Early-Adopter-Qualitäten.
  • Die coolen Formate und Inhalte habe ich noch nicht gefunden. Viel Marketing, viel Selbstdarstellung, viel 'Clubhouse'-Meta, viele Berater*innen, dadurch mittlerweile ein bisschen Politik. Und Kneipentalk. Viele Versuche, jetzt mit dem Early-Adopter-Vorsprung dann als Influencer*in und/oder Expert*in durchzustarten.
  • 'Clubhouse' fühlt sich deswegen oft an wie Laberpodcast-Formate. Manchmal wie die Formate, die es nicht mal zum Laberpodcast geschafft haben, weil Motivation und Durchhaltevermögen der Beteiligten nur für das Ideen-Bier, aber nicht für den Podcast-Feed gereicht haben.
  • Trotzdem macht's manchmal Spaß, sich von neuen Räumen, Menschen und Themen überraschen zu lassen.
Pessimistischer Eindruck:
  • 'Clubhouse' funktioniert gerade größtenteils über Elitendenken und Fear of Missing Out. Elitendenken über die Einladungspolitik. Elitendenken über die "Wir sind ja jetzt die Guten, aber wartet mal, bis der böse Pöbel hier ankommt..."-Argumentation in den Räumen. Fear of Missing Out ist die Angst, jetzt nicht bei 'Clubhouse' dabei zu sein – ohne zu wissen, was da eigentlich inhaltlich zu verpassen ist. Einmal dort, merkt man, dass guter Inhalt wie überall selten ist und gesucht werden will.
  • 'Clubhouse' verschickt selbst in der zurückhaltenderen Einstellung einfach absurd viele Push-Benachrichtungen und scheint damit aktiv die Interaktion hochtreiben zu wollen.
  • Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine App, die sich dieser Mechanismen bedient und am Ende den Risikokapitalgebern wirtschaftliche Erfolge vorzeigen muss, in dieser Wachstumsphase gerade tatsächlich rigoros Menschen sperren und rausschmeißen würde, falls sie gegen Regeln verstoßen.
  • Die Kombi aus der App 'Clubhouse', was wir darüber schon jetzt wissen, dem Hype darum und dazu eine ordentliche Portion Technikoptimismus vieler Beteiligter: das schreit für mich danach, dass es schief geht und wir in vier Wochen die ersten 'Clubhouse'-Gruselgeschichten erzählen. Aber das ist nur mein Pessimismus.
Die Parallelen zu Podcasts: Die Gesprächigkeit und Stimmen im Fokus. Die Formatfreiheit. Der thematische Zugang. Manchmal die Intimität des Lauschens, wobei die in großen Räumen mit vielen Personen und Interaktionen sehr schnell verloren gehen kann.

Die Parallelen zu Live-Radio und anderen Live-Formaten wie bspw. Konferenzen: Live. Die "Sendetermine"/Slots. Das Dabeisein-Gefühl. Das "Mist, ich habe den Anfang verpasst"-Gefühl. Die Interaktivität zwischen "Sender" und "Empfänger". Aber auch das "Ach, ich lass das jetzt mal nebenbei laufen"-Moment. Alles ist ein langer Stream, ohne richtigen Anfang und richtiges Ende, mit Ecken und Kanten. Es kann und darf nicht jede*r rein, "Wir hier drinnen", "die da draußen".
 

TL;DR: mein Hot Take zu 'Clubhouse', nach dem niemand gefragt hat: Bei "Clubhouse" treffen die schlimmsten Aspekte und Ängste rund um die Plattform-Logik auf einige der nervigsten Aspekte und Ängste rund um Podcasts. Ja, das ist was mit Audio. Das war's für mich aber auch mit der Podcast-Verwandtschaft.

'Clubhouse' ist als geschlossene Plattform mit geschlossener Community (Ja, aktuell in der geschlossenen Beta-Phase) momentan das Gegenteil der Niedrigschwelligkeit und Zugänglichkeit von Podcasts und Podcatchern. Viel Facebook-Feeling, wenig RSS-Charme. Jetzt, da ich 'Clubhouse' ein bisschen angehört habe, möchte ich fast wieder an Audio-Twitter glauben.

Für die Podcast-Macher*innen-Perspektive: Podcaster*innen, die Erfahrungen mit Konferenz-Formaten oder Live-Podcasts mit Publikum haben, könnten 'Clubhouse' im Auge behalten. Hätte ich einen Podcast, würde ich mir drei Mal überlegen, ob ich Zeit in 'Clubhouse' stecke.

Für die Hörer*innen-Perspektive: Ich bin bisher maximal unterwältigt. Aber ich mag meistens auch keine TED-Talks und Keynotes. Hätte ich noch mehr Zeit zum Hören, würde ich mir drei Mal überlegen, ob ich Zeit in 'Clubhouse' stecke.
Bei 'Clubhouse' treffen die schlimmsten Aspekte und Ängste rund um die Logik von Plattformen und sozialen Netzwerken auf einige der nervigsten Aspekte und Ängste rund um Podcasts. Ja, das ist was mit Audio. Das war's für mich aber auch mit der Podcast-Verwandtschaft. Hätte ich einen Podcast, würde ich mir drei Mal überlegen, ob ich Zeit in 'Clubhouse' stecke. Hätte ich noch mehr Zeit zum Hören, würde ich mir drei Mal überlegen, ob ich Zeit in 'Clubhouse' stecke.
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HÖRTIPP: Kleines Storytelling ganz groß
"My year in Mensa" & "Constellation Prize"
"Ja, aber die haben auch ein Riesenteam, deswegen können die auch gutes Storytelling/tolle Produktion/tolles Irgendwas haben". 
Irgendwann schreibe ich mal eine Sammlung meiner liebsten Podcast-Sprüche auf. Also die nervigsten. Ganz hoch in meinem persönlichen Nerv-Ranking steht dieser Satz mit der Teamgröße. Kommt immer dann, wenn mal wieder die üblichen US-Verdächtigen vergleichend herangezogen oder zitiert werden: The Daily, Radiolab, This American Life.

Nicht falsch verstehen: Ich halte Teamwork für eine der wichtigsten und zeitgleich am meisten unterschätzten Aspekte, wenn es um gute Podcasts geht. Mit 20 Leuten ist mehr zu schaffen als mit 2. Und ja, viele Vergleiche zu den US-Riesen sind deswegen unfair. Ich habe ja nichts gegen diesen Satz, aber: Mich beschleicht zwischendurch immer mal wieder das Gefühl, dass er auch als Ausrede benutzt wird. Riesenteams sind erstmal per se nicht kreativ, im Gegenteil – sie können auch sehr unkreativ und ineffizient sein.

Dass Kreativität in kleinen Ein-Personen-Projekten und sehr kleinen Feedback-Teams sehr wohl richtig sprudeln kann, haben schon viele Podcasts gezeigt – ich will noch zwei (englischsprachige) Hörtipps nachreichen, die mich schwer beeindruckt haben:

"My year in Mensa" ist einer der Underdogs des vergangenen Podcast-Jahres 2020. In vier Episoden zeigt die Komikerin Jamie Loftus mit humoristischen Mitteln, wie der selbsternannte Club der Superintelligenten Mensa tickt. Ich könnte das als Comedy-Podcast labeln, aber ich glaube, das wird dem Podcast in seiner lustigen Ernsthaftigkeit und journalistischer Herangehensweise nicht gerecht. Loftus setzt sich kritisch mit Elitendenken, Intelligenztests und geschlossenen Gruppen auseinander – und damit, wie sich im Internet alle drei ungut vermischen. Diese verspielte, kluge, witzige, verrückte One-Woman-Show zeigt beeindruckend, dass gutes Storytelling natürlich auch ohne Bombast-Produktion und Riesen-Team gelingen kann. "My year in Mensa" sprengt die Genres, erzählt viel mit wenig Mitteln, klingt nach charmanter Indie-Produktion statt Hochglanz-Projekt.

Weniger Geheimtipp, aber ebenfalls sehr hörenswert: "Constellation Prize" hat mich erstmal abgeschreckt, auch wenn er von Bianca Giaever kommt (die unter anderem das großartige Stückchen Visual Audio "the scared is scared" gemacht hat). Das lag auch an den Themen: Glauben, Gott, Menschen, Kunst, Einsamkeit. In den fünf sehr unterschiedlichen Folgen porträtiert Giaever sehr unterschiedliche, besondere Menschen. Aber die erste Folge von "Constellation Prize" über eine New Yorkerin, die als Schülerlotsin arbeitet, ist wahrscheinlich das schönste Stückchen Audio, das ich letztes Jahr gehört habe: Ein einfühlsames Porträt, eine Dokumentation eines Kennenlernens, ein Essay über Ambition, Ehrgeiz und die Suche nach dem Glück.

Beide Podcasts haben mir das Gefühl gegeben, das ich ehrlich gesagt lange nicht mehr hatte: Wirklich Neues zu hören, überrascht zu werden und dieses wohlig-warme Staunen darüber, was Podcasts so alles können.
LINKS
Kleine Bitte: Ich versuche an dieser Stelle sinnvolle Links zu kuratieren und möglichst die Spreu vom Weizen zu trennen. Das ist wirklich zeitaufwendig, weil ich dafür leider immer beides lesen muss. Deswegen würde ich mich umso mehr über einen kleinen Hinweis auf den Newsletter freuen, wenn die Links bei Twitter & Co geteilt werden. :)
Das war's für die einundzwanzigste Ausgabe des Hören/Sagen-Newsletters.
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HÖREN/SAGEN
ist der Newsletter über Audio & Podcasts von Sandro Schroeder (@saschroeder), der Newsletter erscheint seit August 2017. Kritik, Anmerkungen, Feedback, Hinweise zum Newsletter gerne an kontakt@sandroschroeder.de
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