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Ausgabe 6
 
- Premiere - Der Nicht-Hör-Tipp: 'Dirty John'
- Hör-Tipp: 'Level up' von Twenty Thousand Hertz
- Links: Zwei Blicke hinter die Kulissen von 'The Daily'; NPR sieht Audiogramme auf Facebook skeptisch; 'S-Town' als Beweismittel vor Gericht; Google kauft 60dB auf
DER NICHT-HÖR-TIPP
Eine Premiere für diesen Newsletter: Den ersten Nicht-Hör-Tipp hat sich für mich der Podcast 'Dirty John' der 'Los Angeles Times' verdient. Einerseits fühle ich mich verpflichtet, weil ich vor seiner Veröffentlichung in den Link-Tipps der zweiten Ausgabe von Hören/Sagen auf den Podcast hingewiesen habe. Und weil ich dann pflichtbewusst sechs Stunden meiner Hörzeit für 'Dirty John' geopfert habe und mich hinterher frage: Warum nur? Andererseits kann ich die Meinung vieler Rezensionen absolut nicht nachvollziehen, die 'Dirty John' loben.

Die sechsteilige Serie ist eine "wahre Geschichte über Verführung, Täuschung, Vergebung, Nichwahrhabenwollen und Überleben", so steht es auf der Seite der Produktionsfirma Wondery. Klingt wie der Klappentext von einem Groschenroman.

Die ersten Minuten von 'Dirty John' klangen für mich dann ein wenig nach 'S-Town'. So weit, so vielversprechend. Der Autor pflegt einen eher literarischen Stil mit langen Sätzen, der teils auch eher gelesen als gesprochen klingt. Kann man mögen, muss man nicht - mich haben aber die ersten Zeilen an den Stil von Jonathan Goldstein ('Wire Tap', 'This American Life', 'Heavyweight') erinnert. So weit, so vielversprechend.

Nichtsdestotrotz hört man dem 'Dirty John'-Podcast leider an, dass er eine Produktion einer Zeitung ist: Der Podcast ist im Prinzip eine lange Aneinanderreihung von Autorentext im Wechsel mit Ausschnitten aus Interviews, hin und wieder aufpoliert mit mal mehr oder weniger passendem dramatischem Musikeinsatz.

Die Interview-Mitschnitte klingen wie eben solche: Sie sind mitgeschnitten für ein schriftliches Medium, aber sie sind nicht für eine Audio-Präsentation aufgenommen. Das hört man an der wechselhaften Audio-Qualität, aber auch daran, dass die Aufnahmen eher nach Verhör als nach Interaktion zwischen Journalist und Protagonisten klingen. Allein Zitate zu generieren reicht für die Aufnahmen bei narrativen Podcasts nicht.

Wer entgegen der Empfehlung trotzdem noch Spoiler-frei in diesen Podcast hören will, sollte hier aussteigen. Ich glaube wirklich nicht, dass es sich lohnt, aber hier die Links:

Direktlink zur Website: http://www.latimes.com/projects/la-me-dirty-john/
iTunes: https://itunes.apple.com/de/podcast/the-real-thing-1/id1272970334?i=1000392960746&mt=2

Ab hier besteht Spoiler-Risiko. Letzte Chance auszusteigen.



Also.



Bereits in den ersten Minuten erfahren wir, dass es in dem Fall eine Leiche gibt, die viele Stichwunden hat. Das ist der Köder, den Autor Christopher Goffard auslegt. Die Hörer wissen in der ersten Episode nichts über die Identität der Leiche - und können über den Mörder nur mutmaßen. Quasi ein doppelter Columbo. Aber hey, die Serie und der Protagonist heißen 'Dirty John', richtig?

Spätestens nach zwei, drei quälend langen Folgen und ausführlichen - aber größtenteils für den Fall irrelevanten Beschreibungen sämtlicher Beteiligter - fragt man sich: Was ist eigentlich mit der Leiche und dem Mordfall? Und da alle Beteiligten bis auf 'Dirty John' in dem Podcast zu Wort kommen, entsteht ein erster Verdacht beim Hören. Schließlich blicken alle Beteiligten in den Interviews auf das Geschehene zurück, in Halbsätzen deutet sich so etwas wie Erleichterung an.

Im Jahr 2017 ist das True-Crime-Genre im Podcast mittlerweile dermaßen abgegrast, dass man auf der vollkommen kargen Storytelling-Ebene des Genres jeden halbherzigen Plot-Twist schon aus zehn Kilometer Ferne herangaloppieren sieht. Und tadaaaaa, große Überraschung: Natürlich ist 'Dirty John' die Leiche vom Anfang, das erfahren wir nach einem finalen Showdown ganz am Ende der sechsten Episode.

Als Hörer komme ich mir da ziemlich veralbert vor. Als hätte mich der Podcast mit sehr viel Schwung in eine bestimmte Richtung geschubst, um mich dann alleine durch das Dickicht irren zu lassen. Bei 'Serial' und 'S-Town' habe ich mich an die Hand genommen gefühlt. Und bei 'S-Town' hat sich für mich der Bogen zwischen der Uhren-Metapher am Anfang und deren Auflösung am Ende des Podcasts deutlich subtiler und angenehmer geschlossen als bei 'Dirty John'. Wer auch nur eine der beiden Serien gehört hat, sollte 'Dirty John' auslassen.

Was zwischen den ersten und letzten Minuten von 'Dirty John', zwischen Ausgangssituation und Auflösung passiert, ist auf dem Papier eine stetig ansteigende Spannungskurve. Auf dem Papier, wohlgemerkt. Denn das Publikum wird mit all dem bis zur letzten Episode allein gelassen - spätestens nach drei Folgen hängt diese Spannungskurve dann durch wie eine Wäscheleine. Und ist ungefähr genauso aufregend.

Dazu gelingt es 'Dirty John' überhaupt nicht, eine Relevanz über den Einzelfall hinaus zu schaffen. Das mag sicherlich auch am sehr extremen und seltenen Verlauf des Einzelfalls liegen, aber auch erzählerisch leistet der Podcast keinen Blick über den engen Kreis von Betroffenen und deren Familie.

Insofern verkörpert der Sechsteiler für mich genau das, was mich am True-Crime-Genre bei Podcasts ganz wesentlich stört: Häufig überwiegt die reine Lust am Sensationswert des Verbrechens, am Ekel- und Gruselfaktor. Die Beteiligten werden dabei zu relativ hölzernen Figuren in einer Erzählung reduziert, in der wenig Wert auf Kontexte gelegt wird.

Und deswegen bleibt 'Dirty John' für mich vor allem eines: Eine - trotz ihrer Länge - oberflächliche Verbrechensgeschichte wie aus der Boulevard-Zeitung.
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HÖR-TIPP
Welche Kraft Audio haben kann, darüber schwärmen Menschen aus der Radio-, Podcast- und Filmbrache gerne. Bei allen drei Medien ist die Bedeutung von Audio offensichtlich. Viel seltener wird über die Rolle von Audio in Videospielen gesprochen. Einen kleinen Einblick gibt diese sehr liebevoll produzierte und unterhaltsame Episode des Podcasts 'Twenty Thousand Hertz' ("Stories about the world's most recognizable and interesting sounds"). Ohnehin ein Tipp für Audiophile. 

Direktlink zur Website: https://www.20k.org/episodes/levelup
iTunes: https://itunes.apple.com/de/podcast/25-level-up/id1171270672?i=1000393030071&mt=2

*Gestoßen bin ich auf diese Episode über den Newsletter 'Weekly Filet' vom NZZ-Storytelling-Chef David Bauer. Fünf Filetstücke der Medienwelt, serviert jeden Freitag.
LINKS
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