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[Fade In: Schamlose Eigenwerbung]

Mehr Podcast-Besprechungen. Das haben sich viele Hören/Sagen-Abonnent*innen in meiner kleinen Umfrage vergangenes Jahr gewünscht. Manche haben sich auch einen Podcast gewünscht. Auftritt…

[Trommelwirbel]
 
 
Meine bessere Hälfte Carina Schroeder und ich, wir Beide haben uns entschieden, regelmäßig über Podcasts zu sprechen. Also, jetzt auch vor Mikrofonen. Weil zuhause machen wir das ohnehin schon die ganze Zeit.

In der ersten "Ohrensessel"-Folge sprechen wir über "Narcoland" von der Aachener Zeitung und "Suisse Secrets" von der Süddeutschen Zeitung. Beide Podcasts haben ihre Stärken und Schwächen, beide erzählen Journalismus und Recherchen als Podcast-Miniserie – wir diskutieren, was wir daraus über journalistische Podcastformate lernen. Außerdem sind wir superstolz, dass Breakmaster Cylinder (u.A. Reply All, Today Explained, …) uns ein eigenes Podcast-Theme komponiert hat.

Ich denke, wer Hören/Sagen mag, sollte im "Ohrensessel"-Podcast zumindest mal probesitzen! Dafür stehe ich mit meinem Namen.
 
[Fade Out: Schamlose Eigenwerbung]
Hello zur 27. Newsletter-Ausgabe von Hören/Sagen!
Ausgabe 27

- Rant: Die nächste Welle Krisenpodcasts
- Hörtipp: "Das System Söring"
- Links: Was journalistische Storytelling-Serien kosten; Luminary; "The Infinite Dial 2022"; Spotify-Corona-Disclaimer
Die nächste Welle Krisenpodcasts
Die nächste Krise, die nächste Welle Krisenpodcasts. Erst die Pandemie (kurzer Reminder: noch nicht vorbei), jetzt der Krieg in der Ukraine (kurzer Spoiler: vermutlich nicht so bald vorbei). Ich will mich nicht selber wiederholen, deswegen kurzer Querverweis: Bei Übermedien habe ich bereits Anfang März notiert, wie ratlos mich das Überangebot an Ukraine-Podcasts derzeit macht. Hier im Newsletter noch ein paar Gedanken zum Podcast als aktuelles und personenzentriertes Krisenformat:

Ich empfinde es als Missverständnis, als Unterschätzung von dem, was Podcasts sind und sein können, wenn sie auf Aktualität reduziert werden. Jahrelang wurden Podcasts als reiner Verbreitungsweg von Radiosendungen missverstanden, alter Wein in neuen Schläuchen. Jetzt werden Podcasts als neu zu entwickelnde Imitationen von Radio missverstanden. Heureka, wir haben die gängisten Radioformate noch ein zweites Mal erfunden. Slowclap. Ich brauche aber eigentlich keine minuten-/stunden- und halbtagsaktuellen Updates in Podcast-Form. Ich brauche nicht noch mehr Inforadios, Nachrichtensendungen, Eilmeldungen, Ticker, Twitter. Alle schon erfunden, alles schon vorhanden, zum Glück.

Außerdem waren meiner Meinung nach die Stärken von Podcasts noch nie, noch mehr vom Gleichen anzubieten. Schnelligkeit können andere Formen besser. Der Erfolg vieler Nachrichtenpodcasts basiert ja darauf, dass sie eben keine Nachrichten sind. Podcasts waren und sind häufig ein kontextualisierendes, vertiefendes und entschleunigendes Komplementärangebot, eine Ergänzung zum fetten Buffet der übrigen Medienformen. Das war schon immer sowohl Segen als auch Fluch. Mein Eindruck ist: Je beliebter Podcasts aktuell werden, je mehr sie von der Vorband zum Headliner werden – was ja einerseits schön ist – umso mehr eignen sich Podcasts die Mechanismen der restlichen Formen an. Nicht so schön.

Daneben macht mir die zunehmende Personalisierung von Expertise in Podcasts auch Sorgen. Unpopular opinion: Das war schon bei der Rezeption von Drosten und dem Coronavirus-Update nie so richtig gesund. Weil wir, als Medien und als Publikum, mittlerweile nur noch schwer trennen können oder wollen zwischen der Person und ihrer Expertise. Sehr schnell verschwammen – zumindest in der Außenwahrnehmung – die Grenzen, wer hier Absender und wer Gast ist, wer wann in welcher Rolle auf welcher Bühne spricht. "Der Drosten-Podcast" und "der Drosten hat in seinem Podcast gesagt" wurden zu geflügelten Worten des Pandemie-Smalltalks. Jetzt heißt es: "Christian Drosten beendet seinen einflussreichen Podcast". Moment mal, ich dachte NDR Info macht den?

Die fehlende Trennschärfe der Rollen ist im Fall Drosten und später bei Ciesek, mit all ihrer Nüchternheit, kein größeres Problem im NDR-Format geworden. (Außer wenn Drosten sich den Ausfallschritt zur Medienkritik erlaubte.) Das Setting per se allerdings – ich verkürze maximal – "den redaktionellen Gast" zum alleinigen Dreh- und Angelpunkt eines Formats zu machen, kann potenziell durchaus schief gehen. Diverse Print- und Online-Kolumnisten haben das in der jüngeren Vergangeheit ganz gut bewiesen. In Ansätzen sehe ich das jetzt schon bei den Ukraine-Krisenpodcasts. Aus "Was tun, liebe Virolog*innen" wird wahlweise "Was tun, Herr General", "Was passiert, Herr NDR-Sicherheitsexperte?" oder der "Militärexperte Masala warnt/sieht/fordert/schließt nicht aus". Über den Männeranteil brauchen wir übrigens wieder einmal nicht reden.

Was bei Drosten höchstwahrscheinlich noch unbeabsichtigt und definitiv ein gelungener Zufallstreffer war, kommt mir mittlerweile wie ein strategisch gewolltes Rezept vieler Formatentwicklungen vor: Schnell ein Podcast zu einem Nachrichtenthema, möglichst prominent mit einer Person besetzen, deren Gesicht, Stimme und Expertise schnell synonym werden sollen. Die Talkshow-isierung der Podcast. Schnell reagieren, möglichst früh und schnell viel Inhalt anbieten, schnell die Expert*innen branden – dann mal weitergucken.

Ich finde es durchschaubar und deswegen so nervig, wie das "Coronavirus-Update" in all seiner Ausnahmehaftigkeit plötzlich für ein nachhaltiges und wiederholbares Podcast-Konzept gehalten wird. Der Erfolg dieser Formatansätze gibt mir natürlich absolut unrecht: Die Ukraine-Krisenpodcasts punkten wie die Pandemiepodcasts vor ihnen. Die Fantasielosigkeit, die Monokultur nervt trotzdem. Also mich zumindest.

Jedenfalls: Mir kommt es vor, als ob die Talkshow-isierung der Podcasts gerade krisenbedingt die nächste Stufe erreicht. Wundert mich aber nicht, dass der fantasielose Fließbandcharakter der mittlerweile industriellen Podcastproduktion durch Produktionsfirmen und Medienhäuser genau das hervorbringt, was die industrielle Fernsehproduktion schon so hassenswert gemacht hat. Ärgert mich nur.

Rant over and out!
Zahlen, bitte: Die "ma Podcast" und die Krux mit den Podcast-Zahlen
Die Arbeitsgemeinschaft Media Analyse (agma) feiert sich für ihre neue monatliche Podcast-Reichweitenmessung namens „ma Podcast“: „Erstmals ist damit eine echte Vergleichbarkeit aller Podcast-Angebote möglich“, hieß es in der Pressemitteilung zum Start. Teilnehmende Podcasts freuten sich öffentlich über die Platzierungen in den "Charts" der "ma podcast", die (noch) gar keine sind.

Die Idee hinter der "ma Podcast": Die Nutzungsdaten der teilnehmenden Podcasts werden eingesammelt und zentral durch ein und denselben Messstandard gefiltert, sodass alle teilnehmenden Podcasts vergleichbar sind – mit möglichst realitätsnahen Abrufzahlen.

Das ist definitiv ein Bedürfnis: Wir erinnern uns an prä-pandemische Veranstaltungen, auf denen Podcaster*innen nach ihren Nutzungszahlen gefragt wurden und niemand so recht antworten wollte. Unter anderem mit der Begründung, dass jeder die Zahlen anders misst und deswegen keine Zahlen kommunziert werden. Perspektivisch soll die "ma Podcast" diese Lücke schließen. Daran haben glaube ich nicht nur Werbetreibende, sondern die Branche insgesamt ein Interesse. Um ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, wer wie groß ist. Gewünscht hatte ich mir das schon 2017 in diesem Newsletter.

Bei der "ma Podcast" gibt es seit dem Start zum Jahresbeginn mittlerweile schon die zweite Auswertung:
Wer sich kleinteilig für die Zahlen interessiert, schaut in die Tabelle für die Presse, die bei Radioszene.de im Original veröffentlicht wurde (und staunt zwangsläufig über die nunja... kleinen Zahlen vom Saarländischen Rundfunk). Richtigen Mehrwert jenseits der Neugierde hat der Blick in diese Tabelle momentan noch nicht.

Ich schicke gleich vorweg: Im Gegensatz zu den ganzen Podcastbranche-Nabelschau-Newslettern kann ich mit diesem ganzen Zahlenfetisch relativ wenig anfangen. Schrieb er in seinen kostenlosen, defizitären Newsletter. Ernst beiseite: Für werbefinanzierte Podcast-Formate sieht die "ma Podcast" sicherlich anders aus. Aber tut sie das wirklich? Warum ich an der "ma Podcast" zumindest in der jetzigen Form zweifele bzw. viele Schwächen sehe. Im wohlwollenden Pressemitteilungs-Abschreibe-Journalismus der Branchenmedien kam mir jedenfalls die Kritik am neuen Standard bisher ein bisschen zu kurz.

Nehmen wir also an, ich würde Podcastwerbung für meinen Newsletter schalten wollen. Dann würde ich mir für mein Portemonnaie die Frage stellen: Wenn ich für diese Werbung (meistens viel Geld) bezahle, wie viele Menschen erreicht das dann? Meist kann ich mich dazu bei den Eigenangaben (und Verkaufsbroschüren) von Verlagen und Vermarktern selber informieren. Die haben allerdings eine Motivation, sich möglichst teuer zu verkaufen. Ergo: Viele große Zahlen, viele Versprechen, gerade so viel Transparenz wie eben notwendig ist.

Bei der Frage nach dem "Wie viel Menschen erreiche ich" lese ich dann bei Podcaster*innen und Vermarktern die Eigenangaben zu Downloads/Streams/Wiedergaben über Zeitraum X oder "pro Episode", gerne mal auch ganz ohne Messzeitraum. Insofern ist es ganz gut, dass die "ma Podcast" wenigstens etwas überprüfbare Orientierung geben könnte – selbst für diejenigen, die nicht daran teilnehmen.

Faustregel: Bei sehr erfolgreichen Podcasts ist es meistens leicht, diese Angaben halbwegs genau herauszufinden. Es schmückt sich halt ganz gut damit. Die weniger erfolgreichen Podcasts hingegen werden ungern einzeln aufgeführt und stattdessen von Verlagen/Vermarktern in Pakete geschnürt: 'Buchen Sie Werbung in diesen 5 Podcasts und erreichen sie Reichweite Y.' So wird gerne kaschiert, dass so manches professionelle Podcast-Angebot reichweitentechnisch auch nicht mehr reißt als ein Nebenbei-Hobbyprojekt.

Wie bereits in der Linkliste des Januar-Newsletters kurz angedeutet, sehe ich die "ma Podcast" trotz allem eher skeptisch und habe für mich drei Stellen identifiziert, an denen das liegt.

Problem Nummer 1: Aktuell ist die "ma Podcast" darauf angewiesen, dass Podcast-Anbieter mitmachen und sich gegen Gebühr dem Standard anschließen, damit er erstmal überhaupt einer wird. Die Wette geht erst vollständig auf, wenn die "ma Podcast" so wichtig ist, dass alle mitmachen (müssen). An dem Punkt sind wir noch lange nicht: Momentan sind es über 100 Podcasts von gut zwei dutzend Publishern. Momentan ist die "ma Podcast" damit bestenfalls eine Stichprobe des Marktes (momentan mit Fokus auf die Großen) und ein grundsätzlicher Anlauf, ob die Versuchsanordnung funktioniert. Aber erst bei möglichst vollständiger Teilnahme – mindestens der reichweitenstärksten und werbetreibenden Player – ergeben sich quasi im zweiten Schritt aus der "ma Podcast" auch gleich Charts auf Basis einer halbwegs harten, einzelnen Metrik: Abrufe.

Das wäre natürlich eine tolle Ergänzung gegenüber den absolut intransparenten "Charts" wie beispielsweise bei Apple Podcasts ("While the exact algorithm cannot be shared to protect their integrity, the charts measure a mix of the following: Listening, Follows, Completition Rate"). Falls es denn soweit kommen sollte. Und solange ein großer Player wie Spotify nicht mitspielt, fehlt natürlich eine weitere wichtige Bezugsgröße in der "ma podcast" – gerade im deutschen Markt, in dem Spotify vergleichsweise groß ist. Und weil Spotify perspektivisch natürlich gerne der Marktplatz für Podcast-Werbung werden möchte. Ich stelle aber die These auf, dass sich Spotify äußerst ungern in die eigenen Zahlen schauen lässt, weswegen eine Teilnahme an der "ma podcast" eher unwahrscheinlich ist.

Problem Nummer 2: Selbst innerhalb der "ma Podcast" lässt die Vergleichbarkeit momentan noch stark zu wünschen übrig. Für einen Standard, der sich so nennen will, ist es ein absolutes Unding, dass Podcasts in derselben Tabelle stehen, die weiterhin Äpfel und Birnen sind, inklusive *Sternchen-Hinweis am Ende der Tabelle: "*Die validen Downloads dieser Podcasts enthalten aus technischen Gründen keine Spotify-Abrufe.". Es gibt nämlich einige (öffentlich-rechtliche) Formate, die für die "ma podcast" keine Spotify-Zahlen mitliefern (können/wollen). Sodass selbst in der standardisierten Währung weiterhin Dunkelziffern stecken, die Vergleichbarkeit also stark leidet.

Zudem sind durch die monatsweise Auswertung werktägliche, wöchentliche, monatliche Formate nur sehr schwer nebeneinander zu halten – es bleibt mir ein Schleier, warum nicht nach Veröffentlichungsrhythmus ausgewertet wird. Oder zumindest nicht die Anzahl der im Beobachtungszeitraum veröffentlichten Episoden mitaufgeführt wird. Sonst kann ich die unterschiedlichen Veröffentlichungsrhythmen kaum ernsthaft nebeneinander halten. Wenn ein monatlicher Podcast mit einer einzigen Episode 200.000 Downloads im Monat anzieht, ist das durchaus etwas Anderes als ein werktäglicher Podcast, der mit +/-20 Episoden im Schnitt 20x10.000 Downloads im Monat erreicht. Aber hört nicht auf mich, ich habe nämlich gar keine Ahnung von Podcast-Werbung, nur ein bisschen von Podcasts.

Problem Nummer 3: Downloads/Streams/Wiedergaben sind keine Menschen. Die Baustelle ist nur aufzulösen, wenn ich meine Hörer*innen (mit deren Einverständnis) tracke, möglicherweise sogar plattform- und geräteübergreifend. Das kann die "ma Podcast" gar nicht, weswegen es immer nur eine technische Annäherung an eine echte Publikumsauswertung bleiben wird. Die agma tut sich deswegen meiner Meinung nach auch keinen Gefallen damit, schon mit der ersten Ausgabe "Top-Genres" der Podcasts zu küren. Das sind Aussagen über ein menschliches Publikum, die eine technische Erhebung dieser Art und mit dieser unvollständigen Stichprobe gar nicht treffen kann.
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…Unterhosen. Matratzen. Webseite-Baukästen. Irgendwelchen Autos, die keiner braucht. Also das könnte theoretisch hier stehen. Wird aber nie passieren, keine Sorge. Keine Werbung, auch keine Schleichwerbung, keine Sponsoren. Ja, ich gestehe: das hier ist die nicht so subtile Erinnerung:

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Eine Randnotiz zur "ma Podcast": Die Podcast-Daten verarbeitet für die agma ein Dienstleister, "Podwatch GmbH". Wie uns tausende Cookie-Banner täglich erinnern, ist das in der Werbebranche absolut üblich. Der Geschäftsführer von "Podwatch" ist Alex Jacobi, der außerdem die folgenden Podcast-Unternehmen führt: Einerseits die Plattform "Sonarbird" für Unternehmen, die Podcasts produzieren, managen und monetarisieren wollen; andererseits "With love and data", "eine Kreativberatung für akustische Kommunikation"; außerdem führt Jacobi die Produktionsfirma "Wundervoices", die beispielsweise den Podcast "Narcoland" mitproduziert hat.

Warum zähle ich das auf? Weil sich eine an der "ma Podcast" teilnehmende Person bei mir gemeldet hat, die sich Sorgen um diese Gleichzeitigkeit von Interessen macht. Auf der offiziellen Webseite weist die agma darauf hin, dass das beauftragte Unternehmen die Daten "ausschließlich zu den vorgesehenen Studienzwecken der ma Podcast zu verwenden" hat. Nichtsdestotrotz kann ich die Sorge nachvollziehen: Der detaillierte Einblick in die Logfiles, in die Nutzungsdaten von Podcasts kann durchaus sensibel für die Entwicklung und Positionierung von Podcasts sein. Erst recht, wenn es potenziell eine personelle Überschneidung zwischen der zentralisierten Datenanalyse und Marktteilnahme geben könnte. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, den ja die Plattformen wie Spotify oder Amazon gerne ausspielen und berechtigerweise kritisiert wird: Wer die Daten der Konkurrenz sehen kann, kann daraus Ableitungen mitunter Ableitungen für die eigenen Angebote treffen.

Zusammenfassend: Die "ma Podcast" ist bisher ein guter Entwurf dafür, wie die quantitative Seite der Podcast-Nutzung zu standardisieren wäre. Ich frage mich momentan, wer jetzt noch wen von der "ma Podcast" überzeugen muss, damit sie wirklich zum Standard wird: Die Podcast-Anbieter, die bisher erfolgreich Werbeplätze verkaufen – die kamen bisher hörbar ganz gut ohne "ma Podcast" zurecht. Die Werbetreibenden, die bisher Werbeplätze auf Basis von Eigenangaben der Podcasts kauften – waren bisher auch bereit, das zu tun. Die Vermarkter dazwischen, die Podcasts und Werbung zusammenbringen wollen? Die haben schon eher ein Interesse, für sich oder ihre Kunden, mehrere Podcasts nebeneinander halten und vergleichen zu können.

Die agma muss vor allem kleine und mittlere Podcast-Anbieter ohne riesige Reichweiten überzeugen, dass sich die Teilnahmegebühr und das Auftauchen in der "ma Podcast" auch mit kleinen Zahlen lohnt – aber mit welchem Argument eigentlich? Mit der Dateneinsicht? Mit Reichweiten, die nunmal zwangsläufig geringer sind als das, was die Podcaster*innen selber erheben? Oder überzeugt der Standard erst, wenn Werbetreibende oder Vermarkter irgendwann die Teilnahme der "ma Podcast" zur notwendigen Bedingung für Podcast-Werbung machen?

Und der Ausblick: Mein Interesse an Podcast-Werbung ist überschaubar, deswegen überlasse ich das Feld jetzt gerne den Leuten mit kommerziellen Interessen und Zahlenfetisch. Aber auch ich wäre froh, jenseits von Bauchgefühlen eine harte Metrik zur Hand zu haben, um die Größe von Podcasts besser einschätzen zu können.

Unabhängig davon bleibt ein erheblicher blinder Fleck, über den jenseits der Medienforschung kaum gesprochen wird: die qualitative Perspektive auf's Podcastpublikum. Denn selbst wenn ich den selbsterhobenen Reichweiten der Podcast-Anbieter, der Vermarkter oder von mir aus der "ma Podcast" glauben möchte – ins Staunen gerate ich bei der Frage "Wen erreiche ich?" mit Podcast-Werbung und den vollmundigen Versprechen, die es dort gibt.

Podcast-Anbieter und Vermarkter zeigen mir dann in ihren Broschüren gerne, sogar bis auf's Prozent genau, wie viele Männer und Frauen ich anteilig erreichen kann, in welchen Altersgruppen die Hörer*innen liegen, woher sie kommen. Das klingt für mich sehr nach den Daten, die geschlossene Plattformen wie Spotify den Podcaster*innen anbieten.

Werden hier die Nutzungsdaten von Spotify auf das gesamte Publikum extrapoliert? Werden Daten von mehreren Plattformen dann gemittelt? Was ist mit der eigentlich anonymen Nutzung durch Podcatcher? Skizzenhaft gibt es manchmal sogar Profile dazu, beispielsweise "technikinteressiertes Publikum". Basiert das alles auf eigener Publikumsbefragung? Angaben zur Datenquelle oder Methodik suche ich hier vergebens. Was schon ironisch ist, wenn die Werbebranche angeblich so sehr auf harte Daten, Transparenz und Überprüfbarkeit rund um die Podcast-Werbung pocht.
HÖRTIPP
Dass ich mittlerweile einen ausgeprägten Hass für die allermeisten True-Crime-Podcasts habe, ist kein Geheimnis. Deswegen fiel es mir zugegeben erstmal schwer, mich auf "Das System Söring" einzulassen. Es geht um Jens Söring, den in den USA verurteilten Doppelmörder, der nach 33 Jahren Haft seit 2019 mittlerweile zurück in Deutschland ist. Ein vielerzähltes Verbrechen mitsamt all seinem Drama: Dem Geständnis. Dem zurückgezogenen Geständnis. Die Verurteilung. Die Bewährung. Die Auslieferung nach Deutschland.

Hörenswert ist der Podcast weniger für die relativ brave, fast schon Hörbuch-artige Machart mit Sprecher*innen und Kapitelzwischenüberschriften, sondern weil er den üblichen Fokus des Genres etwas verschiebt: Es geht weniger um die möglichst gruselige ausführliche Schilderung des eigentlichen Tatvorgangs, sondern um die mediale (Selbst-)Darstellung von Jens Söring im Nachgang. Der ist bis heute sehr präsent in den Medien, auch dank des Dokumentarfilms "Das Versprechen", den die beiden Autor*innen 2018 auch als True-Crime-Podcast beim NDR veröffentlicht haben.

"Das System Söring" ist sozusagen die Gegenerzählung zu den Unschuldsbeteuerungen von Söring und seinem "Freundeskreis", die seine Darstellung als Unschuldigen pflegen. "Das System Söring" ist eine gute Erinnerung daran, dass die 08/15-Erzählstrukturen vieler True-Crime-Formate eigentlich aus dem Fiktiven kommen und damit viele Einfallstore eröffnet werden, die Realität zu interpretieren und Wahrnehmungen zu prägen, damit Drama, Helden*innen und Bösewichte bitteschön maximalen Erzähleffekt erreichen.

Bestenfalls ein Indiz, aber kein gerichsfester Beweis: In einer kleinen Yougov-Umfrage ging es um der deutschen liebstes Podcast-Genre True Crime. Von 135 Hörer*Innen, die näher zu ihren Motiven zum Hören von True Crime befragt wurden, gaben:
  • Mehr als die Hälfte an, dass die Spannung entsteht, weil die erzählten Verbrechen keine fiktiven Verbrechen sind
  • gut die Hälfte an, für die "konkreten Verbrechens-Fälle" oder für die "Spannung der Verbrechensaufklärung" zuzuhören (49 Prozent)
  • die Motive "Art des Erzählens" (35 Prozent) und "die Recherche der Podcast-Redaktion" (30 Prozent) an
Böse gesagt: Die befragten True-Crime-Hörer*innen (tendenziell mehr weibliche als männliche) könnten auch einfach einen Krimi aufschlagen oder einen Thriller gucken, gruseln sich aber lieber zu echten als fiktiven Kriminalfällen. Wie das erzählt ist und wie "true"/wahrheitsgetreu das Ganze ist, interessiert ungefähr ein Drittel. Egal, hauptsache Mord und Totschlag. Schuldig im Sinne der Anklage!
LINKS
Wie immer, ihr kennt das mittlerweile, eine kleine Bitte vorab: Ich versuche an dieser Stelle sinnvolle Links zu kuratieren, möglichst die Spreu vom Weizen zu trennen. Das ist wirklich zeitaufwendig, weil ich dafür leider immer Spreu UND Weizen lesen muss. Deswegen freue ich mich umso mehr über einen kleinen Hinweis auf den Newsletter, wenn die Links bei Twitter & Co geteilt werden. Coole Links gegen ein bisschen Promo, fairer Deal, oder?
  • Die 'New York Times' hat mal wieder einen sehr NYT-mäßigen Artikel über Podcasts geschrieben "Surrounded by Big Tech, Small Podcast Shops Swim With Sharks", der sich verschiedenen Produktionsfirmen widmet – allen voran 'Prologue Projects' von Leon Neyfakh, der die journalistischen Storytelling-Podcasts "Slow Burn" und später "Fiasco" (beides absolute Hörtipps) produziert hat.
  • In der US-Podcastszene gibt es ja mittlerweile erhebliche Übernahmebewegungen, woran natürlich das ganze Risikokapital in den Podcast-Startups und die damit verbundenen Rendite-Erwartungen nicht ganz unschuldig sein dürfte. Aufgekauft werden ist oft der letzte Ausweg, um zu überleben. Die Großen kaufen die Mittleren und Kleinen, meistens kaufen große Plattformen mittlere Podcast-Firmen. Das ehemalige Radionetzwerk 'SiriusXM' hat die Podcastnetzwerke 'Stitcher' und 'Earwolf' gekauft – was wohl nicht allen Übernommenen gefallen hat: "How SiriusXM bought and bungled a beloved podcast network", schreibt Ashley Carman bei 'The Verge'.
    • Momentan kann ich mir für den deutschen Markt schwer vorstellen, dass so eine heiße Übernahmephase wie in den USA eintritt. Auch, weil hierzulande die allerwenigsten Produktionsfirmen mit Investorengeld gegründet wurden.
       
  • Apple Podcasts wird in seinem Analyse-Backend künftig Follower-Zahlen (ehemals "Abonnent*innen") ausweisen. Einerseits toll für alle, die ein Gefühl dafür bekommen wollen, wie groß ihr Stammpublikum ist. Andererseits sehe ich bei Podcasts mittlerweile auch den Trend zu KPIs und Kennzahlen (Zahlenfetisch, das Leitmotiv). Jede Erfolgsmetrik wird irgendwann zum Selbstzweck und entkoppelt sich vom eigentlichen Sinn, das kennen wir ganz gut von Facebook, Instagram und Twitter. Moment, ich hole mal die Angel mit dem Engagement-Köder: Sagt's mir in den Kommis, ich brauche das Engagement für meinen Performance-Review. Retweet, if you feel this! Und die Durchhörrate leidet, wenn du am Ende so sinnlos laberst – das kostet Plätze in den Apple Charts! Schreibt mir eine Bewertung, damit Leute unseren Podcast finden, …
     
  • "The Infinite Dial" für 2022 ist erschienen und weiterhin eine der wirklich wenigen ernstzunehmenden, fachlich fundierten Erhebungen zur Podcast-Nutzung – für die USA. Weil die Erhebung aber schon viele Jahre läuft, lassen sich aber ganz gut Trends identifizieren, die mit Verzögerung meistens auch in Deutschland ankommen. Zwei bemerkenswerte Punkte:
    • Podcasts sind so bekannt wie nie, die monatliche und wöchentliche Podcast-Nutzung ist aber gegenüber dem Pandemiejahr 2021 zurückgegangen – aber immer noch höher als 2020. Die Autor*innen führen das darauf zurück, dass die alten Routinen wieder greifen und Leute weniger Podcasts als in den ersten Pandemiewellen hören.
    • Im Schnitt hören Podcast-Hörer*innen momentan acht Podcasts – gut eine Hälfte hört 1-3 Formate, die andere Hälfte hört 4 bis 11 Formate oder mehr. Die Zahlen haben sich seit Jahren kaum verändert. Verdrängungswettbewerb.
  • Twitter baut möglicherweise an einem "Podcast"-Tab innerhalb seiner App, wenn wir einem Screenshot glauben dürfen, über den 'The Verge' schreibt.
     
  • Emeli Glaser hat in der 'taz' eine ganz treffende Kritik über den "Feel the news"-Podcast des Ehepaars Juliane und Sascha Lobo geschrieben – aber viel Richtiges über Pärchen-Podcasts, die nicht nur auf podcastende Pärchen zutrifft, sondern auf viele Meinungsformate, die die allgemeine Weltlage verdauen.
     
  • Falls sich noch jemand für die Nachbeben der Joe-Rogan-Interviews interessieren sollte: Spotify markiert ja mittlerweile blanko alle Podcasts, die Corona diskutieren, mit einem Disclaimer. Also wirklich alle. Was zu dem absurden Umstand führt, dass das deutsche "Coronavirus-Update" mit einem qualifizierten Virologen denselben Warnbalken trägt, wie die Interviews von verschwörungsgläubigen Podcast-Bros bei Rogan. Der Balken führt in Deutschland nach wie vor zum Corona-Informations-Hub, auf dem 12 Monate alte (!) Podcast-Episoden von Zeit Online und dem Coronavirus-Update (!) als "Immer auf dem Neuesten Stand bleiben" geführt werden. Wer sich also zu den neuen Informationen des "Coronavirus-Update" informieren will, informiert sich zusätzlich den alten Informationen vom "Coronavirus-Update". Kafka lässt grüßen!
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