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"Audio (storytelling) is just brandnew.
We're still calling like, this and 'This American Life', and just some accountant who just talks to his friends about accounting - we're calling all of those things Podcasts." 


- Adam Davidson im 'Longform Podcast' #293
Adam Davidson arbeitet für den 'New Yorker', hat für 'This American Life' gearbeitet, war Mitgründer des preisgekrönten Wirtschaftspodcasts 'Planet Money' bei NPR.

Seine These: Die langen Erzählformen in Print und Fernsehen sind klar ausdefiniert, während im Audiobereich gerade alles irgendwie ein Podcast ist. (Gilt das auch für Deutschland?) Für Davidson ist jedenfalls klar: So wird es nicht bleiben.
Bevor es losgeht, nur eine kurze Info in Sachen #GDPR & #DSGVO:

Wer diesen Newsletter bekommt, hat sich dafür angemeldet und dazu mindestens zwei Mal, wenn nicht sogar drei Mal hartnäckig bestätigt, dass ich wirklich diesen Newsletter verschicken darf. Ich habe die letzten Wochen nichtsdestotrotz damit verbracht, alles nach bestem Wissen und Gewissen der DSGVO anzupassen und habe für diesen Newsletter folgende Dinge getan: 1) Ich habe meine Datenschutzerklärung aktualisiert 2) am 13. Mai einen Datenverarbeitungsvertrag ("Data-Processing-Agreement")
mit Mailchimp geschlossen 3) laut Mailchimp DSGVO-konforme Anmeldeformulare eingerichtet, inklusive einer weiteren aktiven Zustimmung der NutzerInnen und Verweis auf meine Datenschutzerklärung 4) und werde einen Link zur Datenschutzerklärung auf meiner Webseite an das Ende jeder kommenden Newsletter-Ausgabe packen.
Und damit: Hallo zur 13. Newsletter-Ausgabe von Hören/Sagen!
Ausgabe 13
 
- Was #YannyOrLaurel über Audio in sozialen Netzwerken im Jahr 2018 aussagt
- Hör-Tipp: Longform Podcast - ein Archiv mit Sogwirkung
- Link-Sammlung: Smartspeaker-Hype; Podcasts für Lokalmedien; NPR kauft Pocket Casts; Podcast-Charts;
'What do you hear?! Yanny or Laurel'
fragte ein Tweet am 15. Mai. Den Rest der Geschichte dürften die meisten hier kennen, durchlief #YannyOrLaurel doch die klassischen Phasen eines jeden Viral-Erfolgs und Memes:

1. Graswurzel-Verbreitung
2. Hype
3. Medien & Firmen springen auf
4. Anti-Hype
5. Für tot erklärt

Der genervte Seufzer - "Och nee, bitte nicht wieder diese super-nervige Geschichte" - der gehört also auch dazu. Deswegen keine Sorge, ich will auch nicht das ganze Phänomen in voller Breite auseinanderdröseln. Mir geht's um einen Aspekt, der kaum bis gar nicht besprochen wurde:

Was sagt #YannyOrLaurel über Audio in den sozialen Netzwerken im Jahr 2018 aus? 

Ich denke, diese Frage ist auch für alle eingeweihten Audio-Nerds relevant. Damit aber wirklich alle wissen, worum es geht, bitte ich jetzt alle Informierten, zwei Absätze lang die Zähne zusammenzubeißen. (Oder wahlweise zwei Absätze weiterzuscrollen, bis unter den übernächsten Strich.)
  • Also, worum geht's hier jetzt nochmal?

    Die Frage #YannyOrLaurel hat Mitte Mai viele NutzerInnen bei Twitter beschäftigt (wahlweise auch "Das Internet" oder "Die Netzgemeinde"). Auslöser war oben zitierter Tweet mit einem vier Sekunden kurzem Video, bei dem es vor allem um das Audio ging. Darin: Eine männliche Stimme, die zwei Mal hintereinander das selbe Wort sagt. Es ist das Hörbeispiel eines Online-Wörterbuchs zum Eintrag zu "Laurel" ("Lorbeerkranz"). (Übrigens, Wired hat die Herkunft der Stimme erkundet.)
     
  • Wenn das so eindeutig ist: Warum gibt's dann die Diskussion #YannyOrLaurel?

    Die virale Aufnahme ist aber nicht das originale Hörbeispiel. Sondern eine mit einem Smartphone-Mikrofon angefertigte Aufnahme davon, wie das Original auf einem Laptop abgespielt wird. Dadurch ist diese Aufnahme nicht ganz eindeutig - wie Audio-Nerd Lee Rosevere und der Sprachprofessor Brad Story separat gezeigt haben - denn in ihr stecken tiefe und hohe Frequenzen. Und je nachdem, auf welchen Lautsprechern und von welchen Ohren das gehört wird, ist es möglich, auch 'Yanny' zu hören.
So. Da jetzt alle - egal, ob #TeamLaurel oder #TeamYanny - auf dem gleichen Stand sind, zurück zur ursprünglichen Frage und meinen Gedanken dazu:

Was sagt #YannyOrLaurel über Audio in den sozialen Netzwerken im Jahr 2018 aus?
  • Das "virale Audio, über das alle streiten" ist genau genommen gar kein Audio, sondern ein Video.
Es ist eine Bildschirmaufnahme einer Instagram-Story, verteilt auf Twitter. Und eben kein liebevoll gebautes Audiogram. Das zeigt für mich einmal mehr, dass alle Audio-Menschen darüber nachdenken sollten, wo und wie sie Audio-Inhalte verteilen, und mit welchem Aufwand. Auch eine bildgetriebene Plattform wie Instagram kann also für Audio-Inhalte interessant sein. Passend dazu dieser Tweet von NPR: "Whether you’re Team Yanny or Team Laurel, we’re just happy you’re listening to audio on the Internet."
  • Der Clip ist die Smartphone-Aufnahme einer Laptop-Wiedergabe eines Audios. Den Clip werden die meisten Menschen auch auf einem Smartphone angehört haben.
Teil der Verwirrung waren auch kleine Mono-Lautsprecher von Smartphones, die höhere Frequenzen bevorzugen und Bässe nahezu unhörbar machen. Nicht alle NutzerInnen hören auf 300-Euro-Noice-Cancelling-Kopfhörern, während sie abends in ruhiger Umgebung in einem Sessel sitzen. In welchen realistischen Nutzungsszenarien wird mein Audio gehört? Die Frage sollten Audio-Produzenten bei der Produktion überdenken, egal ob für Podcast oder soziales Netzwerk. Und selber den Test machen: Wie klingt mein Audio eigentlich auf dem Smartphone-Lautsprecher?
  • Der Clip ist vier Sekunden lang. Vier Sekunden.
Wäre der Erfolg auch so groß gewesen, wenn der Clip länger gewesen wäre? Wenn beispielsweise ein Radiosender ein aufwendig-produziertes Video gefertigt hätte, das mit vier Sekunden Intro beginnt, in dem die Bildmarke und ein Jingle laufen, bevor es zum "eigentlichen" Inhalt geht?
  • Der Tweet stellt eine eindeutige Frage, spricht die NutzerInnen direkt an, fordert sie zu einer Handlung auf und gibt Antwortmöglichkeiten vor.
Der Tweet verlangt nach Interaktion und gibt damit einen natürlichen Anreiz, wirklich das Audio anzuhören. Ganz ohne blickende "TON AN!!!!!"-Diktatoren-Sticker im Video, die bei mir mittlerweile den gegenteiligen Reflex auslösen.
  • Ellen DeGeneres hat den Tweet beispielsweise geteilt.
Wie oft teilen solche reichweitenstarken Accounts Audio-Inhalte? Was muss dafür passieren? 
  • #LaurelOrYanny lebte bei Twitter auch vom Bezug auf #TheDress, das natürlich viele kannten.
Solche Memes leben von kulturellen Bezügen, Kontexten, Anlässen, Anknüpfungspunkten. Ein Problem, das ich für die Audio-Branche/Audio-Bubble in den sozialen Netzwerken sehe: "Das hier ist so, so, so hörenswert!", "Spannendes Interview", "Tolles Feature", das sind alles keine Anknüpfungspunkte für Menschen, die nicht schon überzeugter Teil der Audio-Bubble sind.
Worüber ich bei #LaurelOrYanny am längsten nachgedacht habe, ohne bisher eine Antwort zu finden: Der virale Tweet hat die NutzerInnen in zwei Lager eingeteilt. In #TeamLaurel und #TeamYanny. In Schwarz und Weiß. In 'Wir' und 'Die Anderen'. 

Der Erfolg war deswegen sicherlich keine Übung in Nuancierung, sondern maximale Verkürzung und Vereinfachung. Ist ja immer noch Twitter. Der Fokus war der Streit zwischen den Lagern. Nicht das Phänomen oder die Erklärung des Phänomens, nicht das Vermittelnde.

Ich weiß, dass viele Podcasts und deren HörerInnen aber genau das suchen und schätzen: Das Abbilden von feinen Unterschieden, Details und Teilaspekten, jenseits der lauten, schnelllebigen und allgemeinbekannten Extreme. Für mich sind es auch diese Nuancen in Form und Inhalt, die längere Audio-Stücke so spannend machen.

Deswegen: Passt so ein Viral-Erfolg überhaupt zu dem, was viele Menschen am Medium Podcast schätzen? Wie sähe der #LaurelOrYanny-Moment aus, der zu einem zwanzigminütigem Podcast-Episode gehört? Zu einem anderthalbstündigen Interview? Zu einer ganzen Podcast-Serie? Und wenn es diesen schnelllebigen Moment geben sollte - kann er Menschen zu einem Medium bringen und daran binden, wenn das Medium doch so sehr von Konstanz und Langfristigkeit lebt, also dem Gegenteil von Viralität?
Ein Problem, das ich für die Audio-Branche/Audio-Bubble in den sozialen Netzwerken sehe: "Das hier ist so, so, so hörenswert!", "Spannendes Interview", "Tolles Feature", das sind alles keine Anknüpfungspunkte für Menschen, die nicht schon überzeugter Teil der Audio-Bubble sind. Einerseits können wir besser dabei werden, Audio-Inhalte zu verteilen. Andererseits schätzen viele Menschen, dass Podcasts eben nicht den Mechanismen viraler 280-Zeichen-Botschaften folgen.
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HÖRTIPP
Longform Podcast. Was den Namen angeht, gewinnt dieser Podcast jedenfalls keinen Preis für Einfallsreichtum oder für herausragende Sogwirkung. Aber hinter dem Understatement des unscheinbaren Namens steckt ein gigantisches Archiv mit Sogwirkung: Ein Archiv von bald 300 Unterhaltungen mit Menschen, die professionell die Geschichten anderer Menschen erzählen - Journalistinnen, Autoren, Fotografen, Dokumentarfilmerinnen. Und jede dieser Unterhaltungen hat Sogwirkung.

Beispielsweise die oben erwähnte Unterhaltung mit Adam Davidson vom 'New Yorker', in der es auch um die Unterschiede zwischen langen Print-und langen Audio-Geschichten geht, überhaupt um den Unterschied zwischen geschriebenem und erzähltem Wort. 

Letztendlich ist der Longform Podcast aber wie ein gutes Magazin. Egal, welche Seite, welche Unterhaltung man aufschlägt. Man stolpert erst rein und taucht dann ab.

Website: https://longform.org/posts/longform-podcast-293-adam-davidson
iTunes: https://itunes.apple.com/de/podcast/episode-293-adam-davidson/id551088534?i=1000411043711&mt=2
LINKS
  • "Podcasts will show up in Google Search as a 'first-class citizen' alongside the text, image, and video results you are used to seeing." Google meint es anscheinend wirklich ernst mit Podcasts und Audio. Wäre natürlich toll, wenn Audio nicht mehr Suchmedium zweiter Klasse wäre. Ich bin aber auch gespannt, was passiert, wenn der Riese Google ins Podcastbecken steigt. Wer oder was zuerst rausgespült wird, im guten wie im schlechten.
     
  • "I don’t get the hype about smart speakers for radio", schreibt Tommy Feraz bei Medium. Die Betonung liegt auf Radio. Und was das betrifft, bin ich der selben Meinung. Es geht um neue Nutzungsgewohnheiten, um On-Demand- anstelle von linearen Medien. Es geht nicht darum, den ollen Rundfunk mit dem neuen Smartspeaker abzuspielen anstatt mit dem Küchenradio. Und es geht auch um einen Generationenbruch.
     
  • Apropos Smartspeaker und Nutzungsgewohnheiten: 'The Telegraph' hat für seinen Alexa-Skill Radiojournalisten eingestellt, die das Kurz-Briefing bestreiten. Das wird hauptsächlich morgens um 7 Uhr und abends um 18 Uhr abgerufen. Also zu den Zeiten, die viele als "Radio-Primetime" bezeichnen würden.
     
  • NPR hat die derzeit wahrscheinlich beste Podcast-App der Welt, 'Pocket Casts', gekauft und dafür mit WNYC, WBEZ Chicago und 'This American Life' zusammengelegt. "This unprecedented collaboration furthers public radio's leading role as an innovator in audio discovery and distribution", heißt es in der Pressemitteilung. Die beste Analyse dazu, was das bedeutet, gibt es bei Nick Quah. Wo sonst.
     
  • Wo wir bei der Rolle von öffentlichen-(rechtlichen) Medien sind: Wäre eine übergreifende Audio-Plattform, ein Konkurrenz-Angebot zu iTunes, nicht ein möglicher Auftrag für die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland? Wie könnte das aussehen? Leonhard Dobusch hat auf der #rp18 die breiter angelegte Idee einer "Internetintendanz" vorgestellt.
     
  • Einige Medien experimentieren mal wieder mit vorgelesenen Artikeln als Audio-Angebot, darunter auch die NZZ. „Viel mehr als in ein Mikrofon zu sprechen, braucht es für einen Podcast nicht", hieß es im ursprünglichen Artikel der NZZ, bevor sie nach Kritik den Beitrag anpasste. Hölzern vorgelesene (Zeitungs-)Artikel sind jedenfalls nicht gerade das, was Podcasts ausmacht. Oder wie es der von mir sehr geschätzte Christian Möller bei Twitter formulierte: "Das ist wie zu sagen 'Mehr als in ein Word-Press-Blog zu tippen braucht es für eine Zeitung nicht'."
     
  • Einige Medien lassen nicht mal die Autorinnen und Autoren vorlesen. Teilweise übernimmt das sogar ein Sprachroboter wie Amazon Polly, gehört bei der Audioversion des Newsletters von Politico Europe. Mit katastrophalem Ergebnis.
     
  • "Verpasste Chancen, nächster Teil: Der Audio-Boom", schrieb Christian Jakubetz und fordert mehr Podcasts und Smartspeaker-Skills von Lokalverlagen.
     
  • Ich habe bei Deutschlandfunk Kultur (wie immer der Hinweis: Das Deutschlandradio ist mein Arbeitgeber) in der Sendung Breitband darüber gesprochen, dass ich sehr skeptisch bin, was diese These von Christian Jakubetz angeht und glaube, dass viele Medien gerade unterschätzen, wie aufwendig gutes Audio ist.
     
  • Sehr aufschlussreich fand ich danach diesen Beitrag bei drehscheibe.org über drei Lokal(-zeitungs)redaktionen, die mit Podcasts experimentieren. Eine Erfahrung: "Letztlich stand die Hörerzahl in keinem angemessenen Verhältnis zum vergleichsweise hohen Aufwand"
     
  • Gelohnt hat sich 'Alex Inc' mit Zach Braff für ABC anscheinend nicht: Die TV-Comedy, die auf dem Startup-Podcast von 'Gimlet Media' basiert, wurde nach einer Staffel wieder eingestellt. Währenddessen hat Gimlet die nächsten TV-Rechte verkauft, für den neuen fiktionalen Podcast 'Sandra'.
     
  • Großer Schock: Die völlig intransparenten Podcast-Charts von Apple sind völlig intransparent, berichtet podnews.net. Den Sarkasmus kann ich mir nicht verkneifen, weil mich diese Meldung einfach so gar nicht überrascht: "Placings on Apple's Podcast Chart can be bought" Wer nicht erst seit gestern die iTunes-Charts beobachtet, der wird auch nicht überrascht sein, dass regelmäßig Chartplatzierungen mehr als fragwürdig sind. (Ich habe im November in der 9. Ausgabe von Hören/Sagen über den Unsinn der Charts geschrieben und dass wir neue Messwerkzeuge für Erfolg brauchen.)
     
  • Weil mich mehrere Leute in den vergangenen Monaten darauf angesprochen haben: Ja, die Seite podnews.net aggregiert ganz toll Nachrichten rund um Podcasts. Das macht der selbstbetitelte 'Radio-Futurologe' James Cridland, der auch einen Radio-Newsletter betreibt. Cridland ist gut im (Selbst-)Marketing, ist gefragter (Radio-)Experte auf Konferenzen und berät viele Radiosender .

    Aber ganz ehrlich: Ich persönlich bin kein Fan. Und das liegt auch an Cridland-Artikeln wie diesem, zu den vermuteten Chart-Betrügern, der eben wenig bis gar keine handfesten Beweise liefert, aber dafür eine handfest steile Überschrift hat. Wenn ich dann noch tiefer scrolle und die Armada von Sponsoren-Logos bei podnews.net sehe, die größtenteils genau die Unternehmen sind, über die Cridland berichten will, dann finde ich das aus einer journalistischen Perspektive sehr fragwürdig.
Das war's für die dreizehnte Ausgabe des Hören/Sagen-Newsletters.
Alle bisherigen Ausgaben gibt es im Archiv

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