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Liebe Freunde und Interessierte der Andreas Tobias Kind Stiftung,

der langersehnte Frühling kommt, Ostern steht vor der Tür - höchste Zeit, den Laptop einfach mal zuzuklappen, das Smartphone in den Flugmodus zu verabschieden und die neue Jahreszeit auf langen Spaziergängen oder gemütlich im Garten zu begrüßen!

Corona hat unseren Alltag in vielen Bereichen digitaler gestaltet - seien es die beruflichen oder schulischen Online-Meetings, das Zoom-Date mit Oma und Opa oder das Chatten mit Freund*innen über WhatsApp, Facebook, Instagram etc. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen stiegen die Social-Media-Aktivitäten mit Beginn der Pandemie in 2020 rasant an: laut einer Studie der DAK Gesundheit um alarmierende 66 Prozent. 

Auch unserer ehemaligen Stipendiatin und klinischen Musiktherapeutin Dr. Katrin Drazek-Kappus bereitet der spürbare digitale Wandel Sorgen. Als Reaktion darauf gründete sie vor kurzem EchteZeit: Im Interview erzählt sie davon, wie sie Menschen auch in Zeiten von Corona darin unterstützt, zu einer gesunden Balance von On- und Offline zu finden. 
  
Brandaktuell sind ebenfalls die Studien unserer Stipendiaten Rainer Edelbrock und Mahmoud Said:
Dipl. Musiktherapeut Rainer Edelbrock reichte unter dem Titel "Königskinder" seine Dissertation an der WWU Münster ein. Die Studie berichtet über ein Musiktherapie-Projekt mit Vorschulkindern aus "bedrohten" Verhältnissen.
Der aus Kairo stammende Violinist Mahmoud Said erstellte im Rahmen seiner Masterarbeit an der HfMT Hamburg ein Handbuch für Musiktherapeut*innen, die mit Menschen aus dem arabischen Kulturraum arbeiten. 

Zudem gibt es spannende Neuigkeiten vom Berliner Zentrum für bewegte Kunst (ZBK): Ab Mai 2021 wird es eine Ausbildung für Trainer*innen mit Trisomie 21 geben. Die ersten Azubis und der Leiter des ZBK Michael Pigl-Andrees berichten über das in Deutschland bislang einzigartige Projekt.

Und wenn Sie lieber hören als lesen, finden Sie in diesem Newsletter einen Link zur ersten Folge einer neuen Podcast-Serie der Initiative "Kunst der Erfahrung": Yara Eckstein interviewt den Philosophen und Sprachwissenschaftler Dr. Christian Gruny zum Thema Ästhetik.

Förderungen der Andreas Tobias Kind Stiftung in 2021
Möchten auch Sie ein Ausbildungs- oder Forschungsvorhaben in die Tat umsetzen? Auch in diesem Jahr freuen wir uns wieder über Ihre Anträge! Bewerbungsfrist für eine Unterstützung Ihres musiktherapeutischen oder heilpädagogischen Projekts in 2021 ist der 30. April. Mehr Infos zu unseren Förderungen finden Sie auf unserer Website.
 
Wir wünschen Ihnen frohe & erholsame Ostertage!
Bleiben Sie gesund!

Beste Grüße
Ihr Team der Andreas Tobias Kind Stiftung
Britta Johannesson - Hannah Ott

Neues vom Berliner Zentrum für bewegte Kunst
Michael Pigl-Andrees berichtet über ein Ausbildungsprojekt für Trainer*innen mit Trisomie 21
Video von Artist*innen des Circus Sonnenstich zum Welt-Down-Syndrom-Tag
Das Berliner Zentrum für bewegte Kunst e.V. (ZBK) führt ab Mai 2021 ein zweijähriges Ausbildungsprojekt für Mitarbeiter*innen mit Trisomie 21 durch. Erstmals in Deutschland werden Menschen mit Trisomie 21 auf der Basis einer inklusiven Struktur zu Artist*innen und Trainer*innen qualifiziert. Das Programm dazu wird in einem gleichwürdigen Dialog unter Einbeziehung aller Kompetenzen der Mitarbeiter*innen mit Trisomie 21 entwickelt. Das Ausbildungsprojekt ist in vier Semester aufgeteilt und umfasst mehrmals wöchentlich Ausbildungstrainings sowie regelmäßige Arbeitstreffen zur Entwicklung der Trainer*innen-Persönlichkeit. Für den Übertrag in die Berufspraxis finden zusätzliche Schulungsworkshops statt, in welchen die Trainer*innen-Rolle in der Praxis erprobt und evaluiert wird. In der Abschlussphase des Projekts wird ein inklusives Trainer*innen-Handbuch in leichter Sprache und vielen Visualisierungen für alle wichtigen Bereiche des Trainer*innen-Seins entwickelt und gestaltet.
 
Im Projekt wirken mehrere Ebenen ineinander: Das ZBK-Schulungs-Konzept auf Basis der IN.ZIRQUE ®-Didaktik, die Wünsche und Ziele der auszubildenden Artist*innen und ein Coaching durch Saskia Perthel, einer Expertin von BIS e.V. (Netzwerk für betriebliche Integration und Sozialforschung). Miteinander wird eine Struktur entwickelt, mit der im ZBK langfristige Beschäftigungsverhältnisse für Mitarbeiter*innen mit Trisomie 21 geschaffen werden. 
 
Das Ausbildungsprojekt hat zwei Schwerpunktbereiche: Auf einer ersten Ebene werden die Auszubildenden zu Artist*innen in den Bereichen Fitness, gesundes Bewegen, künstlerisches Bewegungslernen und Bewegungsanalyse geschult. Mithilfe dieser Grundlagen bauen sie das notwendige Selbstbewusstsein und eine stabile Identität auf, mit der sie selbstbestimmt als Trainer*innen-Persönlichkeit im ZBK tätig werden können. Auf einer zweiten Ebene werden sie darin geschult, die spezifischen Techniken in den zentralen Zirkusbereichen mit variablen Methoden anzuleiten und ihre Rolle als Trainer*in mithilfe verschiedener Reflexions- und Evaluationsmethoden ganzheitlich zu verstehen. Das ermöglicht ihnen, ihre Trainer*innen-Kompetenzen in den Sonnenstich-Gruppen und IN.ZIRQUE-Workshops aktiv einzubringen. 
 
Für die ZBK-Mitarbeiter*innen ist das Ausbildungsprojekt sehr wichtig:
 
Jannic Golm (30 Jahre)
„Ich lerne umgehen mit vielen Artisten. Ich helfe. Diabolo, Kugel, Akrobatik. Ich begleite die Artisten. Dass kein Unfall passiert. Alle sind sicher. Ich versuche das. Ich werde besser. Ich zeige Artisten Geschichten mit Bewegung. Alle machen mit. Im Zirkus habe ich gute Laune. Ich bin glücklich als Trainer.“ 
Oskar Schenck (21 Jahre)
„Ich möchte Herausforderungen. Ich brauche Herausforderungen. Um mehr Zukunft zu leben. Ich möchte für die Zukunft mehr begreifen. Deswegen mache ich die Ausbildung bei ZBK. Wichtig als Trainer ist: Artisten und Menschen begleiten. Zum Beispiel bei Akrobatik. Bei Handstand-Tricks. Die Bewegung mitbegleiten. Das ist ein bisschen schwer. Aber ich kann alles mit den Händen begleiten. Begleiten ist meine Leidenschaft. Höflich unterstützen. Wichtig ist, dass alle Artisten besser lernen können. Und mehr Sportlichkeit finden. Dabei helfe ich. Ich kann gut zuhören. Das geht durch die Ohren in den Kopf. Und dann habe ich es drauf, was ich lernen möchte. Wenn ich es verstanden habe. 

Soledad Rein-Saunders (22 Jahre, Absolventin eines Bundesfreiwilligendienstes im ZBK)
„Man muss für die Arbeit sehr ernst sein vor den Kollegen. Und auch lachen und witzig sein. Und einen genauen Plan machen. So lerne ich das für die Ausbildung. Es gibt ja gefährliche Bewegungen im Zirkus. Da muss man verantwortlich sein für die Sicherheit. Bei den Übungen. Man muss viele Dinge besprechen. Man muss auch laut sein und streng. Liebevolle Strenge. So sagt man das. Man ist lieb und ist auch streng. Weil alle die Regeln beachten müssen. Und die Regeln auch verstehen können. Das braucht man für die Sicherheit. Und für gutes Lernen. Ich möchte viel mehr Teamarbeit lernen.
 Es ist sehr wichtig mit Trainern zusammenzuarbeiten. Ich möchte noch mehr Geduld haben und mit anderen noch besser unterstützen.“
Das Interesse an dem Ausbildungsmodell ist bereits vor dem eigentlichen Projektstart groß: Inklusive ZBK-Teams bestehend aus Mitarbeiter*innen mit Trisomie 21 und ZBK-Trainer*innen, sind für einen universitären Zertifikats-Kurs Zirkuspädagogik an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin und Seminare an der Alanus Hochschule in Mannheim angefragt. Ein ZBK-Team wird im September 2021 den inklusiven Fachtag des Theaters Ravensburg und der inklusiven Zirkusschule Moskito mitgestalten. Der Bund deutscher Amateurtheater als Träger von Bundesfreiwilligendiensten im ZBK plant ebenfalls Seminare mit einem inklusiven Trainer*innen-Tandem des ZBK.
 
Weitere Informationen:
Michael Pigl-Andrees und Felix Häckell
info@zbk-berlin.de
www.zbk-berlin.de
Fotos: © Sandra Schuck
Musiktherapie mit Migrant*innen aus dem arabischen Kulturraum in Deutschland
Der aus Kairo stammende Stipendiat und Violinist Mahmoud Said berichtet über seine Masterarbeit im Fach Musiktherapie

Während meines Studiums der Musiktherapie und der studentischen Hospitation in verschiedenen Krankenhäusern in Hamburg nahm ich eine große Anzahl an Patient*innen mit arabischem Migrationshintergrund wahr. Ich fragte mich, wie gut die Musiktherapeut*innen auf diese Patient*innen vorbereitet sind: Wie könnte die Kommunikation zwischen den Patient*innen und Musiktherapeut*innen verbessert werden? Und mit welchen Problemen könnten die Patient*innen in den Musiktherapie-Sitzungen konfrontiert sein?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, entschied ich mich, meine Masterarbeit zur Musiktherapie mit Migrant*innen aus dem arabischen Kulturraum zu verfassen. Die Studie beleuchtet dabei insbesondere die folgenden beiden Hauptstränge:

1.    Die kulturellen Dimensionen und die gesellschaftliche Wahrnehmung der Musik in arabischen Ländern.

2.    Eine Einführung in die arabische Musikkultur sowie die kulturelle Sensibilisierung von Musiktherapeut*innen.

Um die kulturelle Wahrnehmung von Musik im Islam zu verstehen, war es im ersten Strang nötig, die Geschichte der Musik vom Beginn des Islams bis zur Gegenwart zu untersuchen und zu betrachten, inwiefern Musik in verschiedenen Zeitperioden präsent war und welchen Einfluss sie hatte. Es wird hier u.a. ausgeführt, wie es zu der Haltung mancher Muslime kommt, Musik kategorisch zu verbieten. Dies wird von muslimischen Gelehrten in Interviews mit Vertretern des Dar al-Ifta Kairo (dem wichtigsten und ersten Amt für Glaubensfragen im Nahen Osten) beantwortet.

Im zweiten Strang dieser Forschung stehen die/der Patient*in und ihre/seine Bedürfnisse sowie die/der Therapeut*in im Vordergrund. Es wird hinterfragt, was Therapeut*innen und Patient*innen benötigen, um „erfolgreich“ eine Therapie durchführen zu können. Um dies zu beantworten, wurde ein Fragebogen erstellt. Dieser bestand aus zwei Fragen und wurde an neun Musiktherapeut*innen geschickt. Bei der Auswertung und Analyse der Fragebögen kristallisierten sich zwei Hauptthemen heraus: „Interkulturelle Verständigung“ und „Musikalisches Fachwissen“. Den Schwerpunkt meiner Arbeit legte ich auf den musikalischen Aspekt, da sie als Handbuch für Musiktherapeut*innen geplant war.

Die arabische Musik ist so vielfältig, dass es im Rahmen meiner Studie leider unmöglich war, in allen Bereichen in die Tiefe zu gehen. Dennoch sollte eine möglichst umfassender Überblick gegeben werden über „typische“ arabische Instrumente, Rhythmen, Tonleitern (Maqamsystem), Improvisation (Taksim), Musiktraditionen und Zeremonien. Unter Berücksichtigung der Wünsche der befragten Therapeut*innen wurde in diesem Zusammenhang auch eine Auswahl von Musikern aufgelistet und ein Überblick über populäre Musik gegeben. 

Bei Interesse an meiner Arbeit schreiben Sie mir gerne eine E-Mail an mody_violinist@hotmail.com.

Königskinder - Musiktherapie mit Vorschulkindern aus "bedrohten" Verhältnissen
Stipendiat Rainer Edelbrock berichtet über seine abgeschlossene Promotion zu entwicklungsfördernder Musiktherapie mit Kindern
Mit dankenswerter Unterstützung der Andreas Tobias Kind Stiftung konnte ich zu Beginn diesen Jahres mein Promotionsvorhaben abschließen. Das von Frau Prof.in Dr.in Rosemarie Tüpker betreute Forschungsprojekt an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster entstand innerhalb des musiktherapeutischen Förderprojekts Durch Musik zur Sprache. 
In meiner Dissertation wird eine entwicklungsfördernde Musiktherapie mit Kindern aus „bedrohten“ Verhältnissen beschrieben (z.B. Migrations- bzw. Flüchtlingserfahrungen, Leben in Armut, Erfahrungen von Gewalt). Die zentrale These ist, dass durch diese Verhältnisse das Selbst als Ort der Heimat in der Entwicklung der Kinder bedroht ist. Anhand von Analysen der Gruppendynamik und individueller Prozesse wird aufgezeigt, wie sich die Bedrohung abbildete, welche Faktoren sich als förderlich für die Entwicklung der Kinder herausstellten und welche Bedürfnisse diesen zugrunde lagen. Ein weiteres Zentrum bildet die Metapher eines Königreichs, die sich innerhalb des Übertragungsgeschehens konstituiert hat. Dort finden sich archetypische Orte und Personen wieder, die spezifische entwicklungspsychologische Themenfelder der Kinder repräsentieren: der König und die Königin, die Königskinder, der Hofnarr, das Gebirge, der Wald, usw. Die Gestalttendenz der Kinder hin zum König.in-Werden konnte dabei als Ausgangspunkt der psychodynamischen Prozesse innerhalb der Musiktherapie identifiziert werden. Im Bespielen des Königreichs zeigte sich zudem, dass es sich bei der therapeutischen Arbeit mit den Kindern um eine tiefenpsychologische Form von Kulturerwerb handelte. Veröffentlicht wird die Arbeit „Königskinder – Musiktherapie mit Vorschulkindern aus bedrohten Verhältnissen“ in Kürze in der Schriftenreihe der WWU Münster.
Initiative "Kunst der Erfahrung" veröffentlicht Podcast
In der erste Podcast-Folge interviewt Yara Eckstein (Uni Witten/Herdecke) Dr. Christian Gruny zum Thema Ästhetik 
"Kunst der Verführung" ist eine Initiative junger Frauen, die sich für den interdisziplinären Austausch der Kunst und Psychologie engagieren. Dafür möchten sie zukünftig regelmäßig zu einem gleichnamigen Kongress einladen. Da dies Corona-bedingt bisher nicht stattfinden konnte, entwickelte die Initiative einen Podcast: Die erste Folge zum Thema Ästhetik wurde maßgeblich von Yara Eckstein (Uni Witten/Herdecke) gestaltet. Unter dem folgenden Link hören Sie Frau Eckstein im Interview mit Dr. Christian Gruny, einem Experten auf den Gebieten der Linguistik und Philosophie.

https://www.kunstdererfahrung.de/blog/kunst-trifft-couch/
Im Gespräch mit ... Dr. Katrin Drazek-Kappus
Musiktherapeutin und Beraterin bei EchteZeit
Dr. Katrin Drazek-Kappus ist seit mittlerweile 13 Jahren als klinische Musiktherapeutin in Erwachsenen-Psychiatrien tätig. Ein besonderes Augenmerk legt Sie auf einen positiven Umgang mit ‚Zeit im Augenblick‘ und ‚Resonanz‘. Von 2012 bis 2014 promovierte sie als Stipendiatin der Kind Stiftung zu „Musikpräferenz & Identität“. 2019 gründete sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Sabine Nicodemus "EchteZeit". Hier bietet sie gesundheitspräventive Seminare und Beratungen für Privatpersonen und Firmen an, u.a. zu den Themen Omnipräsenz, digitaler Stress, Resilienz, Online-Offline-Balance und Umgang mit Zeit. 

Liebe Frau Dr. Drazek-Kappus, was hat Sie dazu bewegt, sich mit EchteZeit selbstständig zu machen? Gab es einen konkreten Auslöser?

D-K: Einen konkreten Auslöser gab es nicht. Es war eher ein Prozess, eine Vielzahl an Beobachtungen weckten mein Interesse und machten mich zugleich stutzig: Sowohl im privaten Umfeld, als auch in meiner therapeutischen Tätigkeit fand ich es spannend, welchen Einfluss die mediale Dauerpräsenz auf die Interaktion und Kommunikation sowie die Teilhabe der Individuen untereinander hat. 

Im privaten Bereich waren es bspw. die Veränderungen in der Art und Weise wie Verabredungen geplant wurden, die Häufigkeit und die Inhalte von Textnachrichten und die zunehmenden Erwartungshaltungen in Bezug auf eine baldige Antwort bei digitaler Kommunikation.

In der klinischen Arbeit nahm ich wahr, dass sich in Therapiesitzungen das Online-Verhalten meiner Patient*innen widerspiegelte, wie dieses Verhalten das Erleben des Seins in der – nennen wir es – Offline-Welt beeinträchtigte und mit einem Leidensdruck einherging. Stellen Sie sich vor, musikalische Improvisationen in Therapiesitzungen gleichen einer Inszenierung eines Posts bei Instagram. Sprich, die Außendarstellung und Selbstoptimierung werden fokussiert. Zusätzlich entstehen Erwartungshaltungen an die Gruppe oder an die Therapeutin, die in ihrer zeitlichen Gestaltung einer Kommunikation über Social-Media-Kanäle ähneln. 

Der digitale Wandel ist also auch dann präsent, wenn Sie Ihren Patient*innen innerhalb der Therapie-Sitzungen analog begegnen. In welcher Weise wirkt er sich Ihrer Einschätzung nach auf die menschliche Psyche aus?

D-K: Ich konnte in den letzten Jahren zunehmend beobachten, dass die digitale Dauerpräsenz, fernab vom diagnostischen Denken, massive Auswirkungen auf die psychischen Störungen bzw. die Gesundheit und den Behandlungsverlauf meiner Patient*innen hat. Hiermit meine ich Veränderungen in ihren Verhaltensweisen und zusätzliche Stressfaktoren, die sie im Alltag belasten. 

Vielen Menschen scheint es beispielsweise zunehmend schwer zu fallen, etwas im Augenblick zu assoziieren. Konkret auf das musiktherapeutische Setting bezogen sind dies Musikstücke, die gehört werden könnten. Die Spontaneität solcher Assoziationen weicht immer häufiger einer gründlichen vorherigen Planung. Damit einher geht die wachsende Bedeutung eines sofortigen Feedbacks der Mitpatient*innen: Eine Rückmeldung soll meist unmittelbar erfolgen und scheint wichtiger zu werden, als das eigens Erlebte. Auch werden Tätigkeiten vorrangig als ein Tun an sich beschrieben, mit dem Druck, aktiv sein zu müssen, um etwas über sich berichten zu können. Den eigenen Interessen nachzugehen scheint diesem Verhalten zu weichen. Erschöpfung und subjektiv empfundener Stress sind damit verbundene Empfindungen. 

Ich vertrete den Ansatz, dass im therapeutischen Setting immer auch ein Teil der sozialen Realität durchscheint und Einfluss auf Intrapsychisches nimmt. Hier beziehe ich mich auf Erich Fromm: Nach ihm werden die im Individuum wirkenden, krankmachenden Konflikte und Kräfte teils auch durch die Gesellschaft hervorgerufen. Aus meinen Erfahrungen und Beobachtungen können Stress, innerer Druck und Überforderungserleben mitunter die Folge des Omnipräsenzerlebens sein – dem Gefühl, immer erreichbar und verfügbar zu sein bzw. sein zu müssen. Eine Balance für Körper, Geist und Seele zwischen stressigen und entspannten Zeiten aufrechtzuerhalten, scheint für viele Menschen zunehmend erschwert. Diese für mich hochspannenden Auffälligkeiten veranlassten mich dieses Thema näher zu betrachten. 

Als eine Reaktion auf Ihre Beobachtungen haben Sie u.a. EchteZeit gegründet. Auf welche Art und Weise möchten Sie Ihren Seminarteilnehmer*innen hier wieder mehr Zugang zur analogen Welt vermitteln? 

D-K: Ich möchte meine Teilnehmer*innen darin unterstützen, sich ein neues Bewusstsein für eine Balance zwischen der analogen und digitalen Welt zu schaffen. Wir analysieren daher zunächst gemeinsam, auf welche Weise die Teilnehmenden digitale Medien im Fokus der Omnipräsenz nutzen. Dies passiert im verbalen Austausch in der Gruppe und mithilfe von Skizzenbüchern. Daran anlehnend werden die Parameter Raum, Zeit und Körper näher fokussiert: Ersteres fängt bereits bei dem Ort des Seminares an. Wir kooperierten vor der Pandemie mit Veranstaltungsräumen und Tagungshotels mit puristischer Einrichtung, die wenige akustische und visuelle Reize hatten. Die von uns ausgesuchten Orte boten dadurch günstige Möglichkeiten, die Wahrnehmung ins Hier und Jetzt zu lenken und sich Zeit zu nehmen für einen Moment ohne Bildschirm und Telefon. Neue Impulse und Klarheit für das Selbstmanagement können hierdurch angeregt und entdeckt werden. Wir erarbeiten dabei individuelle Symbole und Hilfen für den Alltag.

Sie hatten Ihre Tätigkeit mit EchteZeit gerade erst begonnen, als die Corona-Krise mit all ihren Folgen Einzug hielt. Wie haben Sie persönlich die Situation erlebt und wie sind Sie in Ihrem Unternehmen, das sehr auf analoges Erleben setzt, damit umgegangen?

D-K: Für meine Kollegin und mich kam der erste Lockdown genauso überraschend wie für alle anderen Menschen auch. Durch das Veranstaltungsverbot mussten wir unsere geplanten Seminare für das ganze Jahr 2020 absagen. Dies beinhaltete auch die Stornierung der Räumlichkeiten. Es folgte eine Phase des Abwartens. Nach vielen Gesprächen mit von uns geschätzten Menschen entschieden wir uns für die Option, unsere bestehenden Angebote neu zu konzipieren. Die größte Herausforderung dabei war, Seminare, die den Fokus auf die Bedeutung von Analogem legen, online anzubieten. 

Mit dem Ergebnis sind wir sehr zufrieden. Unsere neuen Formate sind Online-Offline-Seminare. Alle Seminare beginnen mit einem theoretischen Teil und enden mit einem individuellen Reflexionsgespräch. An den anderen Seminartagen erwartet die Teilnehmer*innen je ein kurzer theoretischer Input via Online-Präsentation und darauf bezugnehmende Aufgaben zur praktischen Anwendung. Unsere Seminarmaterialien sind analog und werden zuvor als schönes Paket postalisch an die Teilnehmer*innen versandt. Sie erhalten Tools zum flexiblen Umgang mit eigenen Ressourcen für analoge Zeiten und Räume im Alltag. Damit die Anwendung unmittelbar erfolgt, entscheiden die Teilnehmer*innen individuell, wann und wie lange Sie sich am jeweiligen Tag mit den Tools beschäftigen. Der Input lässt sich so direkt in den (Arbeits-)Alltag integrieren.

Aus den analogen Seminarmaterialen in Paketform entstanden zudem ein InspirationsPaket und das Paket DruckPause. Beide Pakete fokussieren eine analoge Auszeit im digitalen Alltag und regen zum Nach- oder Umdenken an. 

Was möchten Sie den Menschen, die ihre Angebote buchen, insbesondere mit auf den Weg geben?

D-K: Das ist eine wichtige und schwierige Frage zugleich. Jeder Mensch ist anders und benötigt daher auch etwas ganz Individuelles. Demnach kann ich gar keine pauschale Antwort geben. Mit den Seminaren, Beratungen und Paketen möchte ich unterstützen, ein Bewusstsein zu schaffen für die Bedeutung medienfreier Zeiten und Räume. Zwischendurch einfach mal abzuschalten ermöglicht Raum für Unvorhersehbares, über dessen Resultat wir keine vollständige Kontrolle haben. Dies als Chance zur Kreation von Neuem zu betrachten und annehmen zu können, erachte ich als wertvoll.

Wie meistern Sie persönlich den Spagat zwischen einer sinnvollen und zeitgemäßen Mediennutzung und einer ständigen Verfügbarkeit in der digitalen Welt?

D-K: Ich nutze gerne Apps, deren technische Funktionen meinen Alltag erleichtern, mich inspirieren, erfreuen oder mein Wissen erweitern. Ich habe mich seit Beginn von Social Media bewusst gegen deren Nutzung entschieden. Mein Handy ist nie im Schlafzimmer und es kommt öfter vor, dass ich es daheim vergesse oder ausschalte. Doch was mich davon abhält ständig verfügbar zu sein, sind meine zeitintensiven Hobbys analoger Natur.

Ganz herzlichen Dank für das Interview, liebe Frau Dr. Drazek-Kappus und weiterhin viel Erfolg mit EchteZeit!

Weitere Informationen:
Dr. Katrin Drazek-Kappus
katrin.drazek@echtezeit.de
www.echtezeit.de

Termine 

30.04.2021 Ende der jährlichen Bewerbungsfrist für eine Förderung der Andreas Tobias Kind Stiftung 

06.05.2021 25. Netzwerktreffen Kinder- und Jugendmusiktherapie in Norddeutschland, in Kooperation mit der HfMT Hamburg, Staatliche Jugendmusikschule Hamburg

09.10.2021 Öffentlicher Stiftungstag der Andreas Tobias Kind Stiftung

13.11.2021 Treffen des Bundesarbeitskreises Musiktherapie an Musikschulen (BAMMS), 10-17 Uhr in Regensburg

Verwaltungsgesellschaft der Andreas Tobias Kind Stiftung mbH
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